Glenn Greenwald beim Interview in Berlin

ZEIT ONLINE: Edward Snowden hat schon vor vielen Monaten gesagt: "Meine Arbeit ist getan." Wie ist das bei Ihnen? Sie haben unzählige Artikel und ein Buch über den NSA-Überwachungsskandal geschrieben. Die Welt weiß Bescheid. Was können Sie jetzt noch tun?

Glenn Greenwald: Mein Job ist noch nicht erledigt. An einigen der schockierendsten und wichtigsten Storys arbeite ich derzeit noch. Ich fühle mich meiner Quelle und dem Material verpflichtet. Vielleicht gebe ich es eines Tages an jemand anderen weiter, aber ich würde mich unwohl fühlen, wenn die ganzen wichtigen Dinge nicht veröffentlicht werden.

ZEIT ONLINE: Was soll denn noch kommen? Wie wollen Sie den Eindruck noch steigern, dass alle immer und überall überwacht werden können?

Greenwald: Einige Fragen sind noch offen: Wie tut die NSA, was sie tut? Warum tut sie es? Wen genau hat sie im Visier und was genau macht sie mit den Informationen, die sie sammelt? Darüber wurde schon in Teilen berichtet, aber noch nicht genug. Es gibt noch Dokumente, die darüber Auskunft geben.

ZEIT ONLINE: Wir beobachten, dass das Interesse steigt, wenn prominente Namen bekannt werden, die Opfer der NSA geworden sind. Wird es davon noch mehr geben?

Greenwald: In den großen Überwachungsskandalen in den USA in den sechziger und siebziger Jahren ging es nicht darum, dass Regierungschefs oder Terroristen überwacht wurden, sondern politische Dissidenten. Menschen, die der Regierung Angst machten aufgrund der politischen Meinungen, die sie vertraten. Solche Storys würden heutzutage auch für Aufsehen sorgen. Das meine ich, wenn ich sage, dass es noch Enthüllungen darüber geben wird, wen genau die NSA überwacht.

ZEIT ONLINE: In Deutschland nimmt gerade ein parlamentarischer Untersuchungsausschuss zum NSA-Skandal seine Arbeit auf. Die Abgeordneten hoffen, mehr darüber zu erfahren, wer in Deutschland überwacht wurde und wie die Zusammenarbeit der deutschen Geheimdienste mit den USA aussieht. Ein Teil der Abgeordneten will Edward Snowden nach Deutschland holen. Manche wollen aber auch jene befragen, die Zugang zu den Dokumenten haben. Sie zum Beispiel. Würden Sie vor dem Untersuchungsausschuss aussagen?

Greenwald: Das kommt auf die Rahmenbedingungen an. Ich habe ja schon vor dem US-Kongress, dem brasilianischen Senat und – per Videoschalte – dem EU-Parlament ausgesagt. Ich würde auch vor dem NSA-Untersuchungsausschuss des Bundestages aussagen, solange meine Rechte als Journalist berücksichtigt werden. Über das, was ich berichtet habe, kann ich sprechen. Über das Material, das mir meine Quelle gegeben hat und worüber ich noch nicht berichtet habe, aber nicht. Das Beste, was die Bundesregierung oder das Parlament tun könnten, wäre, Snowden Asyl zu gewähren und in Deutschland zu befragen.

ZEIT ONLINE: Es gibt Zweifel, dass der Untersuchungsausschuss wirklich etwas aufklären kann. Die deutschen Abgeordneten haben keinen Zugang zu den Akten, es werden sehr wahrscheinlich keine wichtigen Zeugen aus den USA kommen.

Greenwald:Brasilien hat genau das gleiche Problem. Seit einem halben Jahr schon läuft dort ein Untersuchungsausschuss. Die Parlamentarier nehmen die Sache sehr ernst, sie wollen wirklich aufklären, aber sie kommen nicht weiter. Die Situation ist ähnlich wie in Deutschland: Die Brasilianer wissen, dass pro Monat zwei Milliarden Kommunikationsvorgänge im Land durch die NSA abgehört wurden, sie wissen, dass das Telefon der Präsidentin belauscht wurde. Aber sie wissen nicht, wie genau das getan wurde und welche brasilianischen Telefon- und Internetfirmen vielleicht mit den Amerikanern kooperiert haben.

ZEIT ONLINE: Sie könnten ihnen Einblicke in die Akten geben.

Greenwald: Die Parlamentarier haben mich gebeten, ihnen die NSA-Dokumente zu geben, aber ich habe ihnen klar gemacht, dass ich das niemals tun würde. Ich würde eher ins Gefängnis gehen. Sie fragten mich auch, ob ich nicht nach Moskau fliegen und mit Snowden reden kann. Ich sagte ihnen: Fliegt selbst hin und holt ihn sicher nach Brasilien, gebt ihm Asyl, dann wird er euch sagen, was er weiß. Ihr könnt nicht alle Informationen von mir, von Snowden verlangen und dann nichts für ihn tun. Leider haben auch die Brasilianer nicht den Mut, sich gegen die USA aufzulehnen. Und ich habe das Gefühl, dass auch die Deutschen lieber unwissend bleiben, als Krach mit den USA zu riskieren.

ZEIT ONLINE: Ist Snowden wirklich der wichtigste Zeuge in dieser Untersuchung? Kann er mehr sagen als Sie?

Greenwald: Er kann viel mehr sagen. Er wurde zehn Jahre lang trainiert, er hat mit diesem Material gearbeitet. Der Grund, warum er so heraussticht, ist sein unglaubliches Talent, sein tiefes Verständnis für Kryptografie, Hacking und das Internet. Er versteht davon viel mehr als jeder Journalist, der an dem Thema arbeitet, mich eingeschlossen. Außerdem hat er viel mehr gesehen, als in den Dokumenten steckt, die er mir gegeben hat. Aus meiner Sicht wäre es unverantwortlich vom Parlament, zu behaupten, man würde die Affäre untersuchen und dann nicht mit dem Mann zu sprechen, der darüber mehr weiß als jeder andere Mensch, der bereit wäre, darüber zu sprechen.

Snowden könnte noch weitere Dokumente haben

ZEIT ONLINE: Aber Snowden hat schon öffentlich gesprochen und dabei wenig Neues gesagt.

Greenwald: Es macht einen Unterschied, ob man Snowden 45 Minuten lang per Video befragt oder von Angesicht zu Angesicht, nachdem man ihn aus Russland in ein sicheres Land gebracht hat. In dem Fall würde man mehr Informationen bekommen, glaube ich.

ZEIT ONLINE: Das sagt die deutsche Opposition auch.

Greenwald: Der russische Präsident Putin hat ja sehr deutlich gemacht, dass er Snowden nur dann Asyl gewährt, wenn er keine weiteren Informationen herausgibt. Und wenn Sie Snowden wären und zwischen Ihnen und einem Hochsicherheitsgefängnis in den USA stünde nur ein Land – nämlich Russland – dann würden Sie solche Bedingungen auch ernst nehmen.

ZEIT ONLINE: Aber was genau könnte Snowden sagen, das als Beweis angesehen werden kann? Der deutsche Generalbundesanwalt betrachtet nicht einmal die bisher veröffentlichten Dokumente als echte Beweise.

Greenwald: Was bislang veröffentlicht wurde, ist nur ein sehr kleiner Teil der Dokumente, die er uns gegeben hat. Und das wiederum könnte ein noch kleinerer Teil von den Dokumenten sein, die er besitzt. Und die wiederum sind nur ein winziger Teil dessen, was er nach zehn Jahren Arbeit weiß. Mag sein, dass Dokumente allein keine gerichtsfesten Beweise darstellen, aber Snowden hat Informationen zu diesen Dokumenten und zu vielen anderen Dingen, die jeder als Beweise betrachten müsste.

ZEIT ONLINE: Das ist alles sehr abstrakt. Physische Beweise dagegen wären kaum zu finden: Die NSA-Wanzen, von denen wir wissen, sind so klein, dass man sie wahrscheinlich nicht einmal dann entdeckt, wenn man weiß, wonach man sucht. Von aufgesplitteten Glasfaserkabeln im Atlantik ganz abgesehen.

Greenwald: Wer sagt, er habe noch keinen physischen Beweis dafür gesehen, dass die Massenüberwachung stattfindet, der will einfach keinen sehen. Es ist doch so: Die Dokumente sind von der NSA verfasst worden, in der Überzeugung, dass sie niemals veröffentlicht würden. Und in den Dokumenten steht sehr klar und offen beschrieben, welche Art von Überwachung die NSA durchführt. Wer behauptet, das seien keine Beweise, der sucht nach einem Grund, nicht zu handeln.

ZEIT ONLINE: Was wird passieren, wenn Snowdens Asyl im August ausläuft? 

Greenwald: Die Russen haben ja bereits angedeutet, dass sie seine Aufenthaltsgenehmigung für mindestens ein weiteres Jahr verlängern werden. Aber es ist immer wichtig zu bedenken, dass Snowden sich Russland nicht ausgesucht hat. Die USA haben ihn dorthin gezwungen. Dabei hat grundsätzlich jedes Land auf der Welt die Verpflichtung, sein Menschenrecht auf Schutz vor politischer Verfolgung ernst zu nehmen und ihm Asyl zu geben, vor allem die Länder, die  seinen Enthüllungen am meisten zu verdanken haben. Ich denke, das sind Deutschland und Brasilien. Und es ist unglaublich, dass sie einer Person nicht helfen wollen, die ihre persönlichen Interessen, zum Beispiel das an einem normalen Leben, der Sicherung der Grundrechte aller Bürger unterworfen hat.

ZEIT ONLINE: Seit der Ukraine-Krise ist die Situation komplizierter als vorher. Deutschland hat geopolitische Gründe, den Bündnispartner USA nicht zu verärgern – und das würde passieren, wenn die Bundesrepublik ihm Asyl gewährt.

Greenwald: Das ist wohl die politische Realität im Moment. Aber es geht hier in Wirklichkeit um internationales Recht und Asylrecht und das ist nicht kompliziert.