Marianne Birthler im Jahr 2010, damals war sie noch Chefin der Stasi-Unterlagenbehörde. © Sean Gallup/Getty Images

Revolutionen fressen ihre Kinder, sagt man. Richtiger müsste es heißen: ihre Mütter und Väter. Erstaunlicherweise gilt das nicht nur für blutige Umstürze wie jüngst in der Ukraine, die durch ihre Gewalt auch die siegreichen Revolutionäre diskreditieren, sondern ebenso für friedliche Aufstände. Denn wenn heute davon die Rede ist, wer vor 25 Jahren die Herrschaft der SED in der DDR zum Einsturz brachte und damit den Weg zur deutschen Einheit ebnete, dann wird in der Regel auf die vielen Tausende verwiesen, die damals in Leipzig und andernorts demonstrierten.

Vergessen werden dabei aber zumeist diejenigen, die durch ihr jahreslanges beharrliches, mutiges Aufbegehren diese erfolgreiche Revolution erst ermöglicht haben: die DDR-Bürgerrechtler.

Während die Masse der Menschen im SED-Staat sich jahrzehntelang duckte und der Repression ergab, wagten sie es, sich – oft im Kleinen – aufzulehnen und sich mit anderen zu verbünden. Viele zahlten dafür mit dem Verlust von schulischen und beruflichen Chancen, mit ihrer Freiheit oder gar mit dem Leben. Nicht wenige haben, auch nachdem ihr Ziel endlich erreicht war und die kommunistischen Diktaturen im gesamten Ostblock implodiert waren, nicht mehr richtig Fuß gefasst.

Marianne Birthler gehört nicht zu diesen. Über Jahre hatte sie in verschiedenen Gruppen im Schutz der evangelischen Kirche für das Recht auf Selbstbestimmung und ein freies Leben gekämpft, gegen den Machtapparat der SED und die Staatssicherheit. 1989 war sie eine derjenigen, die mit Gleichgesinnten und Freunden die gewaltlose Revolte organisierten, die dann in den Massendemonstrationen mündete und die Herrscher des Arbeiter- und Bauernstaates hinwegfegte.

Nach der Wende wurde die Dissidentin in die letzte DDR-Volkskammer gewählt, leitete dort die Fraktion von Bündnis 90, wurde Bundestagsabgeordnete, baute als Ministerin in Brandenburg das Bildungssystem neu auf, war für kurze Zeit Vorsitzende der mit dem Bündnis 90 fusionierten Grünen und leitete schließlich als Nachfolgerin von Joachim Gauck zehn Jahre lang die Stasi-Unterlagenbehörde. Und doch zählt Marianne Birthler zu denen, über die die Geschichte des wiedervereinten Deutschlands inzwischen fast hinweggegangen ist.

Denn das Erfolgsgeheimnis der DDR-Bürgerrechtler war, so schildert sie es in ihrer Biografie Halbes Land, Ganzes Land, Ganzes Leben, dass sie zumeist im Stillen wirkten, um der allgegenwärtigen Verfolgung zu entgehen. Laute Proteste endeten oft mit Verhaftung oder Abschiebung in den Westen. Sie aber wollte wie andere das System von innen verändern und demokratische Freiheitsrechte erkämpfen, die auf dem Papier auch die DDR-Verfassung garantierte.

Statt provokanter Aktionen organisierte sie daher als kirchliche Mitarbeiterin mit anderen Oppositionellen Versammlungen in Kirchen, Konzerte verbotener Musiker, Lesungen und Friedensgebete. Der DDR-Obrigkeit war selbst das zu viel: Die Stasi observierte die Oppositionsgruppen, "zersetzte" ihre Anführer und verbot verdächtige Aktivitäten. Sie schaffte es jedoch nicht, den Widerstandsgeist zu brechen. Im Gegenteil. Auch wenn eine ganze Reihe Oppositioneller in den Westen übersiedelte oder abgeschoben wurde, schufen die übrigen allmählich ein wirkungsvolles Netzwerk von Menschenrechts-, Umwelt- und Friedensinitiativen.

Die Biografie von Marianne Birthler widerlegt damit die Legende, dass in der DDR Widerstand unmöglich war und es nur die Wahl gab, das Land zu verlassen oder sich anzupassen, Mitbürger zu bespitzeln und sich irgendwie sein kleines Leben einzurichten. Es gab durchaus Möglichkeiten für ein richtiges Leben im falschen, wenn man den Mut dazu hatte. Ihres ist ein Beispiel dafür.

Interessant ist, was sie darüber schreibt, woher der Widerstandsgeist kam. Bei ihr wurde er schon von ihren Eltern geprägt. Ihr Drang nach Freiheit  war ursprünglich gar nicht politisch, sie wollte nur wie viele Jugendliche einfach ihr eigenes Leben führen. Aber da die DDR-Behörden jedes abweichende Denken und Handeln erstickten, weder lange Haare noch aufmüpfige Reden duldeten, suchte sie sich ihren Weg, der sie am Ende zur friedlichen Revolutionärin machte.

© Hanser Berlin

In der Politik waren nach der Wende Leute wie sie, die sich auch der schlichten Vereinnahmung durch den kapitalistischen Westen widersetzten, bald nicht mehr gefragt. Sie hatten nicht gelernt, um Macht zu kämpfen. Ihre Kraft war die der Solidarität und des Freiheitsgeistes. Die Masse aber, die sich schon vorher angepasst hatte, wählte den raschen Anschluss. Das Sagen hatten danach andere.

In Birthlers Buch ist viel von der Enttäuschung darüber zu spüren, wie sie und die anderen Bürgerrechtler an den Rand gedrängt wurden. Auch bei den Grünen, von denen sich bis 1989 nur wenige für die DDR-Opposition interessiert hatten, wie auch sonst bei den Linken. Umso wichtiger ist es ihr, dass die Stasi-Akten zugänglich gemacht wurden und dass sie offen bleiben. Denn sie bestätigen den Betroffenen nicht nur, dass sie verfolgt wurden, und geben ihnen so ihr Leben zurück, wie sie eindringlich schildert. Sondern sie belegen nach ihrer Ansicht auch, dass der real existierende Sozialismus eben nicht ein legitimer, wenn auch fehlerhafter Versuch war, eine humane Gesellschaft aufzubauen. Sondern dass er zwangsläufig zur Unterdrückung führte.

Deshalb wendet sie sich auch energisch dagegen, die DDR im Rückblick zu verharmlosen, wie es manche Ostalgiker bis heute tun. Stattdessen mahnt Birthler zu Recht: "Von der Einsicht, dass nach dem Nationalsozialismus auch die zweite Schreckensherrschaft des 20. Jahrhunderts und die von ihr verursachten Leiden der Menschen in den kommunistisch beherrschten Ländern zum gemeinsamen Gedächtnis gehören, ist das vereinte Europa noch weit entfernt."