Es gibt nicht den einen Rechtspopulismus. Zwar gleicht sich die Rhetorik oft und alle Rechtspopulisten bedienen ähnliche Themen. Doch ihr Erfolg ist stets an spezifische lokale Besonderheiten und günstige historische Gelegenheiten gebunden. All dies lässt sich in Deutschland am Erfolg der Alternative für Deutschland (AfD) und ihrer heute weitgehend vergessenen Vorgängerorganisation, dem 1994 in Reaktion auf den Maastrichter Vertrag gegründeten Bund freier Bürger (BfB), illustrieren.

Die beiden Parteien ähneln sich stark – sowohl programmatisch als auch in der Parteiprominenz. Neben dem Verleger Bruno Bandulet und dem Juristen Karl Albrecht Schachtschneider finden sich vor allem unter den Wirtschaftsprofessoren, die die heutige AfD unterstützen, Sympathisanten des "Bundes". Roland Vaubel, heute Mitglied des wissenschaftlichen Beirates der AfD, bekundete ebenso Sympathien für die damalige Partei wie der kürzlich verstorbene Wilhelm Hankel. Mit Franz-Ulrich Willeke und Joachim Starbatty besetzten zwei Professoren aus Reihen der AfD hohe Posten im Bund freier Bürger. Gerade Starbatty, heute für die AfD auf Listenplatz fünf der Europawahl, war als Vizevorsitzender und wirtschaftspolitischer Sprecher zentral für den BfB.

Dementsprechend nahe sind sich die alte und die neue Partei auch inhaltlich. Sie sind beide geprägt von den vielen Wirtschaftsprofessoren in ihren Reihen. Der deutsche Ordoliberalismus dient ihnen als theoretische Grundfeste. Dieser betont eine strikte Trennung zwischen Politik und Wirtschaft, der ökonomische Wettstreit zwischen Nationen steht im Vordergrund und soll, so die Idee, garantieren, dass es am Ende allen besser geht. Schreckensszenario ist ein europäischer Zentralstaat, der die marktwirtschaftliche Dynamik durch "Harmonisierung" bremse. Die AfD will, wie früher der BfB, politische Handlungsanweisungen durch marktwirtschaftliche Dynamiken ersetzen. Man sollte diese ideologische Färbung als "Wettbewerbspopulismus" bezeichnen.

Der AfD hilft, dass es Deutschland gut geht

Warum aber hat erst die AfD mit dieser Programmatik Erfolg? Weil die aktuelle Situation in Deutschland und dem Euroraum eine andere ist als vor 20 Jahren. Erst die Einführung der Gemeinschaftswährung – vor der der BfB freilich bereits in schrillen Tönen warnte – ließ das Gelegenheitsfenster entstehen, das die AfD nun in Deutschland nutzen konnte. Erst durch den Euro entstanden die geldpolitischen Verflechtungen, die wirtschaftliche Turbulenzen direkt für unterschiedliche Staaten spürbar werden ließen.

Paradoxerweise aber hilft der AfD in der gegenwärtigen "Eurokrise" ausgerechnet der Umstand, dass Deutschland im Vergleich zu anderen Euro-Staaten gesamtwirtschaftlich betrachtet gut da steht. Nur hier lässt sich die Eurokrise in ein unmittelbares Ressentiment übersetzen.  Allein der vermeintliche "Exportweltmeister" kann zum solide wirtschaftenden Anker der Gemeinschaftswährung stilisiert werden. Mithilfe des Schlagworts "Wettbewerbsfähigkeit" kann die AfD chauvinistische Überlegenheitsgefühle gegenüber den diffamierend als "Olivenländern" (Henkel) betitelten südeuropäischen Staaten schüren. Die Folgen des ökonomischen Wettbewerbs ermöglichen somit die für jeden Identitätspopulismus zentrale Abwertung des "anderen". Der zentrale Europawahlkampfslogan der AfD – "Mut zu D-EU-tschland" – verknüpft diesen Patriotismus griffig in einer Formel.

Gesteigert wird all dies durch weitere Entwicklungen, auf die der BfB noch nicht zurückgreifen konnte. Auch wenn die AfD wie ihre Vorgänger-Partei massive weitere neoliberale Zumutungen einfordert, helfen ihr die Sozialreformen der Agenda 2010. Durch sie lasten Abstiegssorgen, eine erhebliche materielle Angst, auch auf den erwerbstätigen Klassen. Forscher warnen deshalb seit Jahren vor zunehmendem Ressentiment, mit dem auch die Mitte der Gesellschaft auf diese Ängste reagiert.