Ausgerechnet die AfD will also künftig die "Mitte" Deutschlands repräsentieren. Neu ist das nicht. Die Partei proklamiert dies seit ihrer Gründung. Bernd Lucke spricht seit dem Erfolg bei der Europawahl gar gern von einer "neuen Volkspartei", weil die Wählerwanderung eine Art Durchschnitt der deutschen Bevölkerung abbilde.

Wenn es stimmt, dass Politik möglichst authentisch sein möchte, ist die AfD damit ein Paradox. Denn ihre künftigen Europaabgeordneten unterscheiden sich doch markant vom Bevölkerungsdurchschnitt. Alle der künftig sieben AfD-Abgeordneten sind westdeutsch, nur zwei von ihnen weiblich. Beatrix von Storch entstammt dem deutschen Adel, Hans-Olaf Henkel ist ein fester und sehr vermögender Bestandteil der deutschen Wirtschaftselite. Unter den sieben Abgeordneten befinden sich zudem mit Lucke, Henkel und Starbatty gleich drei Wirtschaftsprofessoren.

Wie also ist es möglich, dass diese elitäre Gruppe, weitgehend unwidersprochen den Anspruch erhebt, die Mitte, besser noch, den "kleinen Mann", zu repräsentieren? Erklärbar wird dies mit dem Konzept der "negativen Hegemonie" des Philosophen Robert Pfaller. Normalerweise gelangten politische Akteure zu umfassendem Einfluss und Macht, wenn es ihnen gelingt, ihr Eigeninteresse als das Interesse der Allgemeinheit auszugeben. Negative Hegemonie entstehe jedoch, wenn es politischen Kräften gelingt, den Eindruck zu erwecken, ihr politischer Gegner ist im Besitz der Macht und handelt den Interessen der Bevölkerung bewusst zuwider.

Die Ankläger erscheinen damit gewissermaßen als "Rächer" des kleinen Mannes und bleiben als dessen Anwalt übrig. Ein Beispiel: Die österreichische FPÖ garniert Portraits ihrer Vorsitzenden Haider und Strache mit der Bildunterschrift: "Sie sind gegen ihn, weil er für euch ist."    

Mit dem Gestus des Experten

Ähnliches gelingt auch der AfD. Allerdings ein wenig komplexer, dadurch, dass sie sich den Anstrich einer aus Expertenmeinungen abgeleiteten Politik verleiht. Gerade die Wirtschaftsprofessoren in den Reihen der AfD sorgen hierfür. Entworfen werden strikt koordinierte Lösungsvorschläge aus einem Guss, zu gerne preist Lucke seine Ideen als Ausdruck des aktuellen "Stands der Forschung" – als wenn dieser unter den chronisch streitenden Wirtschaftsfachleuten unstrittig wäre.

Der Grund hierfür ist, dass der Gestus des Experten eine klare Front gegenüber den etablierten politischen Kräften herstellt. Immer wieder hört man den Vorwurf, die anderen Parteien verstünden im Gegensatz zur AfD nichts von der Ökonomie. Auf diese Weise wird ein scheinbar dem puren Sachverstand entnommenes Wirtschaftsprogramm zur Polemik gegen die Mitbewerber eingesetzt. Wenn die Lösung so linear, einleuchtend, ja, simpel erscheint, muss es in der Unfähigkeit handelnder Politiker und der Korruptheit der politischen Klasse liegen, dass sie nicht umgesetzt wird.

Auf diese Weise gelingt der Kontakt zum "gesunden Menschenverstand" – und damit ein Griff weit hinein in die Gesellschaft. Die übrigen politischen Mitbewerber haben das Interesse der Bevölkerung scheinbar aus den Augen verloren. So ermöglicht das Manöver ein Spiel mit dem Eindruck, die "da oben" hätten sich gegen den Rest verschworen. Paradoxerweise sind es somit Bildung und Wissen, die für die Verbindung mit den Frustrierten sorgen.

Die AfD hält wenig vom Sozialstaat

Nun ist dies allerdings nicht die letzte Widersprüchlichkeit. Denn die AfD vertritt mit ihren politischen Lösungsvorschlägen zumindest kaum die materiellen Interessen des Bevölkerungsdurchschnitts. Im Gegenteil dürften ihre wirtschaftspolitischen Vorstellungen für einen nicht unerheblichen Teil der deutschen Bevölkerung weitere Zumutungen bedeuten. Schließlich vertritt die AfD ein tief wirtschaftsliberales Programm. Damit preist sie das an, was die gesellschaftliche Mitte überhaupt erst ins Rutschen brachte und sie von der Politik entfremdete.

So lobt sie den europäischen Binnenmarkt, nicht aber dessen notwendige politische Koordination und Regulation. All dies sei Dirigismus, Etatismus, Zentralismus, "Harmonisierung". Ein sprechendes Wort. Harmonisch wäre es in Europa in einem nochmals intensivierten "Wettbewerb zwischen den Nationen", wie es in ihrem Wahlprogramm heißt, freilich kaum. Wie wenig die Spitze der AfD zudem von einem soliden Sozialstaat hält, zeigt der von Lucke bereits 2005 initiierte Hamburger Appell, der die Hartz-Reformen neoliberal überholte: Ein Abbau der Arbeitslosigkeit könne "nur durch niedrigere Entlohnung der ohnehin schon Geringverdienenden" erreicht werden, "durch verlängerte Arbeitszeiten, verminderten Urlaubsanspruch oder höhere Leistungsbereitschaft".

Somit wird das Erstarken der AfD nicht zuletzt zur Herausforderung für die politische Linke. Dass hier eine wirtschaftsliberale und konservative Partei erfolgreich ist, hängt fraglos mit der wirtschaftlichen Stabilität Deutschlands, dem drohenden Vermögensverlust und der daraus hervorgehenden Empfänglichkeit für eine Abwertung der Anderen zusammen. Es ist eine Erklärung – politisch zufriedenstellend ist sie freilich nicht.