In Küstrin-Kietz ist man nie allein. Das glaubt man gar nicht, wenn man die endlosen Alleen des Oderbruchs durchfahren hat. Wenn man dann in diesem Grenzdorf steht, ohne Bäckerei, ohne Kneipe. Einem Ort, der eigentlich nur aus an einer langen Straße mit Reihenhäusern besteht. Doch die perfekte Leere täuscht: Die Gegend hier hat Augen und Ohren offen.

Wer das Auto in einer Gartenkolonie wendet oder wer auf einen offenen Hof zugeht, der erlebt vielleicht Folgendes: Es nähern sich Menschen, grüßen und fragen, ob alles in Ordnung ist. Schon noch freundlich, aber schon auch misstrauisch.

In Küstrin-Kietz geschieht Nacht für Nacht etwas, das die Menschen am Staat zweifeln lässt. So sehr, dass sie eine seiner wichtigsten Aufgaben selbst übernommen haben.

Seit der Wende haben Küstriner auf der deutschen und Kostrzyner auf der polnischen Seite der Grenze gelernt, dass es sie gibt und dass sie sich brauchen. Nachts aber wird aus dieser Grenze, die verbindet, ein offenes Tor, das trennt. Diebe schleichen über die alte Eisenbahnbrücke nach Küstrin-Kietz. Nicht vereinzelt, sondern immer wieder.

Autos, Computer, Landmaschinen verschwinden

Das Problem gibt es überall an der Grenze Brandenburgs. Seit die Grenzkontrollen 2007 wegfielen, sind die Einwohner der Grenzorte – ähnlich wie der Speckgürtel Berlins – überdurchschnittlich von Diebstählen betroffen. Um mehr als das Dreifache sind Autodiebstähle gestiegen, aber auch Fahrräder, Werkzeuge, Computer verschwinden. Manchmal spähen Banden wochenlang Bauernhöfe aus, um große Landmaschinen zu stehlen. Das bedroht die Existenz vieler Bauern. Den Bewohnern gibt es das gefährliche Gefühl permanenter Bedrohung.

Die Polizei müht sich, doch verfügt sie über immer weniger Beamte. Knapp 9.000 waren in Brandenburg noch 2011 im Dienst, jetzt sind es 8.250. Bis 2020 soll ihre Zahl auf 7.800 sinken.

28 Minuten dauert es im Landesschnitt, bis nach einem Notruf ein Streifenwagen an einem Tatort ankommt. Im dünn besiedelten Grenzgebiet hört man Berichte über Wartezeiten von mehr als einer Stunde. "Wir wollten keine Bürgerwehr", sagt einer, der bei Küstrin-Kietz wohnt. "Aber wir mussten beginnen, uns selbst zu helfen."

Gerhard Schwagerick hält sein Handy zwischen Kinn und Schulter, während er seinen winzigen Hund Daisy zu beruhigen versucht. "Nichts gestern", ruft er ins Telefon. "Ein offenes Scheunentor am Landgut. Ja, hab ich zugemacht." Schwagerick ist ein kräftiger älterer Mann. Wenn er da sitzt, vor seiner holzvertäfelten Küchenwand mit den Pokalen und Emblemen, denkt man an Kegelabende mit Kartoffelsalat.

Schwagerick hat vor einigen Monaten eine Bürgerwehr in Küstrin-Kietz gegründet. Nach Feierabend stecken 17 Männer und Frauen Taschenlampen und Funkgeräte ein und fahren schichtweise auf Streife. Wer verdächtig ist, sagt ihnen ihr Gefühl. "Wenn ein Ortsfremder nachts langsam durch ein Dorf fährt, dann fragen wir uns, wer das ist." Oft rufen sie dann die Polizei.

Schwagerick sagt "Wegnahmehandlung durchführen" statt klauen, oder: "schnelle Diebstahldurchführung" statt klauen und wegrennen. Und er beteuert: Es gibt hier weder Schlägertypen noch Ausländerfeindlichkeit. Dennoch: Schwagericks Bürgerwehr möchte auf den Patrouillenfahrten nicht begleitet werden. Man wolle die Aufmerksamkeit der Diebe nicht auf sich lenken.

Küstrin-Kietz macht ratlos. Kann man es wirklich verurteilen, dass Menschen wie Schwagerick um die Häuser gehen, weil sie fürchten, Opfer von Einbrechern zu werden? Andersherum: Was geschieht, wenn in Orten mit schwacher Polizeipräsenz Menschen Recht und Ordnung definieren, die die Angst treibt?