Der Ausgang der Europawahl in Deutschland sieht auf den ersten Blick wie eine Schlappe für die Union von Angela Merkel und ein Erfolg der eurokritischen Alternative für Deutschland (AfD) aus. Haben die Deutschen also dem proeuropäischen Kurs der Kanzlerin eine Abfuhr erteilt und unterstützen sie nun stattdessen die Europagegner?

Mitnichten. Denn die Verluste der Union gehen alleine auf das Konto der CSU. Die aber führte auf den Spuren der AfD ebenfalls einen eurokritischen Wahlkampf, und die Verluste dürfen als Hinweis gewertet werden, dass selbst in Bayern der Populismus des Ministerpräsidenten und Parteichefs Horst Seehofer nicht zwangsläufig honoriert wird.

Die AfD hat zwar gegenüber ihrem Bundestagswahlergebnis, als sie knapp an der Fünfprozenthürde scheiterte, deutlich zugelegt. Sie blieb jedoch unter den letzten Umfragewerten und wohl auch unter ihren eigenen Erwartungen.

Auch wenn AfD-Chef Bernd Lucke seine Partei flugs zur "neuen Volkspartei" ausrief: Sie ist es keineswegs. Die große Mehrheit der Wähler hat auch an diesem Sonntag Parteien unterstützt, die zwar manche Änderungen in der Politik der EU fordern, aber im Grundsatz die bisherige Europapolitik unterstützen.

Gleichwohl: Die AfD hat sich als neue Kraft im deutschen Parteiensystem etabliert, gleich hinter den beiden großen Parteien, den Grünen und der Linken. Sie ist im Grunde Deutschlands erste halbwegs erfolgreiche europaskeptische Partei. Man wird sich mit der Stimmung, die sich in dem AfD-Ergebnis zeigt, beschäftigen müssen, gerade die etablierten Parteien.

Die SPD wird in der GroKo stärker

Die SPD braucht sich auf ihren kräftigen Zuwachs nicht allzu viel einzubilden. Denn ihr Ergebnis bei der letzten Europawahl 2009 war katastrophal, daran muss sie ihre Stimmengewinne messen. Dennoch: Die Sozialdemokraten haben sich unter Führung von Sigmar Gabriel gegenüber der Bundestagswahl erholt, während die Union im Vergleich dazu stark verliert. Das wird die Position der SPD in der großen Koalition stärken, und sie wertet es nicht ohne Grund als Belohnung für ihre Arbeit in den ersten Monaten der schwarz-roten Regierung.

Allerdings bleibt die Union mit Abstand stärker. Und es ist deshalb auch noch keineswegs gesagt, dass SPD-Spitzenkandidat Martin Schulz nun Chef der Europäischen Kommission wird. Das hängt ohnehin von der Gesamtzusammensetzung des Europäischen Parlaments und der Entscheidung der europäischen Regierungschefs ab, nicht von der Stärke der SPD in Deutschland.  

Den Deutschen ist die EU nicht egal

Das wichtigste Ergebnis jedoch ist, dass die Wahlbeteiligung deutlich gestiegen ist. Seit Einführung der Direktwahl des Europaparlaments 1979 war sie auch in Deutschland kontinuierlich gesunken, auf zuletzt blamable 43 Prozent. Dieser Trend scheint gebrochen. Das kann am Auftreten der AfD liegen, die Europakritikern erstmals eine Alternative zum mehr oder weniger entschieden proeuropäischen Kurs der anderen Parteien bot, aber auch an der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts, die Dreiprozenthürde zu kippen. Dadurch bekamen auch Kleinparteien eine Chance, die wie die NPD nun einzelne Abgeordnete ins EU-Parlament entsenden können.

Entscheidende jedoch ist: Weder das Abschneiden der AfD noch die Wahlbeteiligung von knapp unter 50 Prozent bedeuten, dass die Mehrheit der Deutschen gegen die EU und eine Fortsetzung der europäischen Einigung ist. Auch wer nicht zur Abstimmung ging, muss dies nicht deshalb getan haben, weil er eine antieuropäische Politik befürwortet. Denn er hätte ja für die AfD stimmen können.

Womöglich war vielen Wählern einfach nicht klar, worüber sie abstimmen sollten, obwohl die Parteien erstmals europaweite Spitzenkandidaten aufboten. Bis zu einer wirklichen europäischen Wahl ist es noch weit.  

Die FDP ist nur noch eine Splitterpartei

Bemerkenswert ist auch, dass die Linke, die ebenfalls EU-kritisch auftritt, zwar leicht zulegen konnte, im Vergleich zur Bundestagswahl aber offenbar verlor. Die Grünen scheinen sich hingegen trotz Verlusten gefangen zu haben.

Für die FDP dagegen ist das Ergebnis der Europawahl ein Desaster. Sie bricht nicht nur im Vergleich zum außerordentlich guten Ergebnis von 2009, sondern auch zur Bundestagswahl weiter ein und spielt nur noch die Rolle einer Splitterpartei – in einer Liga mit den Piraten und der Tierschutzpartei. Aber das nur am Rande.