Zwölf Minuten braucht der Mann am Rednerpult, um beim Kern seiner Botschaft anzukommen. Bis dahin hat er über alles Mögliche gesprochen, über den neuen Stadtrat in München, über Russland und die Ukraine, über italienische und schottische Separatisten. Jetzt aber hat er die Lesebrille abgenommen und lässt den Blick über seine Zuhörer schweifen. "Die Zukunft Europas", sagt er und macht eine bedeutungsvolle Pause "die Zukunft Europas, das ist die kleine Einheit".

Peter Gauweiler ist im Wahlkampfmodus. "Bayern zuerst" heißt das Programm, mit dem er derzeit durch seine Heimat tingelt, jene "kleine Einheit", die ihm die wichtigste ist. An diesem Abend steht in München eine Art Heimspiel auf dem Programm. Hier hat Gauweiler über 20 Jahre lang Politik gemacht, erst als Stadtrat, später als bayerischer Umweltminister.

Mit dabei ist stets CSU-Urgestein Wilfried Scharnagl, der langjährige Chefredakteur der Parteizeitung Bayernkurier. Fünf Auftritte geben die "zwei alten Nörgler" (Originalton Gauweiler) in den drei Wochen vor der Europawahl. Schon im Bundestagswahlkampf waren die beiden zusammen unterwegs.

Gauweiler in den Europa-Wahlkampf zu schicken hat allerdings eine besondere Note. Schließlich hat die Partei kaum einen prononcierteren Kritiker der europäischen Institutionen zu bieten. Als der ehemalige Bundesfinanzminister Theo Waigel in den neunziger Jahren für die Einführung des Euro stritt, spottete Gauweiler über das "Esperanto-Geld". 2005 empfahl er den Austritt aus der ungeliebten Währung, vielfach hat er in Karlsruhe gegen europäische Gesetze geklagt.

Dass er nun trotzdem eine exponierte Rolle im Europa-Wahlkampf seiner Partei einnimmt, ist ein geschickter Schachzug des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer. Der 64-jährige Gauweiler, der bei öffentlichen Auftritten meist Trachtenjanker trägt und mit seinem weißen Haarkranz und den buschigen Augenbrauen in jeder Weißbierwerbung einen glaubhaften Auftritt hätte, soll den verbreiteten Unmut gegen Europa auffangen und dafür sorgen, dass die europakritische AfD der CSU möglichst wenige Stimmen abnimmt.

Anklang an Thilo Sarrazin

Gauweiler gehört zu den ganz wenigen in der CSU, denen noch zugetraut wird, dass sie ein Bierzelt in Schwingung bringen können. Bewiesen hat er das zuletzt mit seiner Passauer Aschermittwochsrede. Die EU-Kommission beschimpfte er dort als "Flaschenmannschaft". Das Ergebnis der Schweizer Volksabstimmung gegen Massenzuwanderung lobte er: Die Schweizer hätten beschlossen, sich nicht abzuschaffen. Der Anklang an Thilo Sarrazin war gewollt und beabsichtigt. Auftritte wie dieser festigen sein Image, ein Polterer zu ein, ein Populist, jemand für den rechten Rand in der Partei.

Aber Gauweiler kann auch anders: An diesem Abend in der alten Münchner Gaszählerwerkstatt wählt er für seine Europakritik "den Kammerton", wie er das selbst nennt. Unter der hohen, weißen Holzdecke des alten Industriegebäudes gibt er den Intellektuellen. Zitiert Max Weber und Jürgen Habermas. Die Stoßrichtung ist aber dieselbe: Gauweiler kämpft gegen das übermächtige Brüssel, das mit "seinem stahlharten Gehäuse aus Bürokratie" der "kleinen Einheit" das Leben schwer macht.

Ein leidenschaftlicher Demokrat

Gauweiler versteht es durchaus glaubhaft zu machen, dass sein primärer Antrieb ein ehrenwerter ist: nämlich seine große Leidenschaft für die Demokratie. Die nämlich, fürchtet er, werde von den supranationalen Institutionen wie der EU-Kommission oder der Europäischen Zentralbank beschnitten. "Wenn Du die Freiheit der Menschen beseitigen willst, schaffe einen großen Staat, es ist das beste Rezept zur Verzwergung und Verameisung der Menschen". So geht einer seiner Lieblingssätze. Abschaffen will er die EU deswegen nicht, aber er will sie beschränken.

Nach der Wahlkampfveranstaltung in München, meldet sich als Erste eine ältere Frau zu Wort, die man rein äußerlich eher bei den Grünen vermutet hätte. "Ich schätze Sie, weil Sie ein kritischer Kopf sind und nicht immer alles schlucken", sagt sie.