Navid Kermani bei seiner Rede im Bundestag © Thomas Peter/Reuters

Am Ende, nachdem alles raus war und niemand geschont, schon gar nicht die Menschen, die hier vor ihm saßen, sagte er noch "Danke, Deutschland" und verbeugte sich kurz. Da haben sie ihm laut und lange applaudiert im Bundestag, und nicht nur Peer Steinbrück hatte Tränen in den Augen.

Dem Schriftsteller Navid Kermani, der Deutscher ist, aber auch Iraner, ist am heutigen Freitag eine wunderbar weiche und doch unnachgiebige, eine versöhnende und wütende Rede gelungen. (Hier zum Nachlesen.) In seiner Festrede zum 65. Jahrestag des Grundgesetzes hat er so ziemlich alle Regeln ignoriert, die bei solchen Anlässen gelten, und so genau den Ton getroffen, den dieser Anlass verdient hat. Kermani hat wuchtig geschimpft und ebenso wuchtig gelobt und gedankt. Er hat keine weichgespülte Rede gehalten, die niemandem wehtut in Deutschland, sondern eine erwachsene Rede für ein erwachsenes Land.

Das beginnt schon mit seiner einfachen Feststellung, dass die Grundgesetze vor 65 Jahren "eher Bekenntnisse waren, als dass sie die Wirklichkeit in Deutschland beschrieben hätten". Frauenrechte, Persönlichkeitsentfaltung, das Vertrauen in Europa – die meisten Deutschen selbst waren noch nicht so weit, aber die Verfasser des Grundgesetzes trauten es ihnen zu. So ist dieses alte Gesetz von 1949 gleichzeitig ungemein progressiv und optimistisch. Es hat "Wirklichkeit geschaffen", sagte Kermani.

Weil Kermani nicht den allerkleinsten Zweifel aufkommen lässt an seiner Bewunderung für diesen "bemerkenswert schönen Text", verteidigt er es mit der Unbedingtheit des Liebenden. Gegen den Asylparagraphen vor allem, der "geriet 1993 zu einer monströsen Verordnung aus 275 Wörtern, die wüst aufeinander gestapelt und fest ineinander verschachtelt wird, nur um eines zu verbergen: dass Deutschland das Aysl als Grundrecht quasi abgeschafft hat".

Schande Flüchtlingspolitik

Das ist brutal, aber es stimmt. Wie überhaupt der Zustand der deutschen Asyl- und Flüchtlingspolitik jede wuchtige Kritik verdient hat. Man kommt sich ja schon selbst langsam blöd dabei vor, immer wieder auf dessen Unmenschlichkeiten und Ungerechtigkeiten hinzuweisen, weil es so offensichtlich ist: Dass Deutschland nur 10.000 der Abermillionen syrischen Flüchtlinge aufnimmt, während die Nachbarländer sich, seit Jahren mittlerweile, man muss das so sagen, aufopfern, ohne laut zu klagen; dass in Deutschland so ziemlich jeder, der als Flüchtling herkommt, erst einmal eingesperrt wird; dass im Mittelmeer Tausende Menschen ertrinken, weil die Grenzen zur EU für sie zu hoch sind. Dass sich daran nichts, aber auch gar nichts ändert, ist eine Schande, die Kermani zu Recht jedem deutschen Abgeordneten heute ins Gesicht gerufen hat.

Und trotzdem umarmt Kermani dieses Land, "das ist ein gutes Deutschland", sagt er. Er schämt sich dafür, dass er als Muslim hier reden darf, aber Christen in seiner anderen Heimat, dem Iran, fast gar nichts dürfen. "Ohne es eigentlich zu merken, hat die Bundesrepublik (…) eine grandiose Integrationsleistung vollbracht", sagt Kermani.

Verfassungspatriotismus? So geht das!

Nur einer bewies, dass er der Wucht von Kermanis Rede nicht gewachsen war. Der CSU-Abgeordnete und stellvertretende Fraktionschef Georg Nüßlein verließ den Saal noch während der Feierstunde. Ihm war es zu "tendenziös", dass Kermani nur Willy Brandt lobte und sonst keinen Kanzler. Um Nüßlein muss man sich aber keine Sorgen machen, er wird sicher noch genug Feierstunden erleben, die in Proporz und Harmlosigkeit unterhalb jeder Relevanzschwelle vor sich hin sterben.

Vor vielen Jahren hat Navid Kermani entschieden, nicht mehr in deutsche Talkshows zu gehen. Weil er als Vorzeige-Muslim nur für Phrasen vorgesehen war und eine Debatte sowieso nicht stattfand. Heute hat Kermani im Bundestag ein besseres, ein angemesseneres Forum gehabt für die Leidenschaft und die Tiefe seiner Gedanken. Er hat seine Zuhörer und also das ganze Land mit Lob und mit Kritik geradezu überschüttet, er hat es nicht geschont, weil es nicht mehr geschont werden muss.

Falls noch mal jemand fragt, wie eigentlich dieser Verfassungspatriotismus gehen soll, der einem als Bürger dieses Landes immer wieder empfohlen wird: Das geht so, genau so.