Martin Schulz sitzt an einem Biertisch am Alexanderplatz. Freitag war er in Frankreich, Samstag in Schweden, heute morgen in der Berliner Parteizentrale, mittags in München, nachmittags in Nürnberg. Und nun, an diesem Montagabend, eine Stunde Wahlkampf in Berlin. Schulz sieht erschöpft aus. Von hinten, vom Rande des Veranstaltungszeltes schallen dazu noch die Trillerpfeifen von Protestierenden und ihre  "Lügner, Lügner!"-Rufe.

Ende dieser Woche sind die Wahlen zum Europäischen Parlament, Schulz will sie für die Sozialdemokraten gewinnen, und zwar in ganz Europa. Deshalb muss er in ganz Europa Wahlkampf machen. Er tourt durch Krisenländer, macht Straßenwahlkampf in Griechenland und Lissabon, wo man als Deutscher eher einen schweren Stand hat. Der Termin in Berlin könnte also ein Heimspiel sein, um ein bisschen auszuruhen. Von wegen.

Mit dem Freihandelsabkommen TTIP und der Ukraine-Krise sind in den vergangenen Wochen plötzlich Themen aufgekommen, die Menschen auf die Straße treiben. Die sie wütend machen und Schilder basteln lassen gegen ihre Politiker. Weniger gegen Schulz, als gegen seine deutschen Kollegen. TTIP und Ukraine, das sind europäische Themen, doch die Protestierenden schimpfen lieber auf den deutschen Außenminister. Wenn es wichtig wird, sind sie lieber auf Berlin böse als auf Brüssel.

"Ich mach da nicht mehr mit"

Schulz sitzt auf der Bierbank und sieht mit an, wie sich Frank-Walter Steinmeier und seine Gegner gegenseitig anbrüllen. Es ist ein denkwürdiger Auftritt.

Die Anhänger der neuen Montagsdemos, die mit ihrem diffusen Protest gegen Amerika und Mainstream-Medien, für Putin und einen wie auch immer zu erreichenden Frieden seit ein paar Wochen für Aufmerksamkeit sorgen, treffen sich immer um diese Zeit am Alexanderplatz. Der SPD-Auftritt ist eine willkommene Gelegenheit für sie. "Keine Medienhetze gegen Russland" steht auf ihren Schildern, "Zusammenarbeit statt Sanktionen" und "Kein Geld für die Faschisten in Kiew". Einer hat mit Kuli auf einen Zettel gekritzelt: "Ich mach da nicht mehr mit". Die Berliner SPD-Gastgeber Jan Stöß und Klaus Wowereit hatten sie bei deren kurzen Auftritten schon niedergepfiffen, als Steinmeier ans Rednerpult tritt, wird es noch lauter.

Nun ist Steinmeier kein begnadeter Wahlkämpfer, aber das heißt nicht, dass er ein politischer Kaltblüter ist. Seit Wochen reibt er sich auf in Krisendiplomatie zwischen Kiew, Brüssel, Genf, Berlin und Moskau, versucht zwischen einer wackeligen ukrainischen Regierung und einer aggressiven Moskauer Führung zu vermitteln. Vergangene Woche flog er einmal schnell an den Kiewer Flughafen und direkt wieder zurück, nur um den Premierminister treffen zu können. Steinmeier gehört zu der Handvoll Leute weltweit, die auf höchster politischer Ebene versuchen, die größte geopolitische Krise der vergangenen Jahrzehnte einzudämmen. Und nun stehen da diese Demonstranten im friedlichen Berlin mit ihren Sonnenbrillen und rufen ihm entgegen: "Kriegstreiber, Kriegstreiber!"