Ein Ausschnitt der Homepage der fingierten Hilfsaktion

Eine Fake-Aktion im Internet bringt Familienministerin Manuela Schwesig in Bedrängnis: Auf einer Onlineseite ist die fiktive Kampagne "Kindertransporthilfe des Bundes" gestartet. Sie ruft potenzielle Pflegeeltern in Deutschland im Namen des Familienministeriums dazu auf, vorübergehend syrische Kinder aufzunehmen.

Die Pflegeeltern sollen ihren Gastkindern "für einen begrenzten Zeitraum ein geschütztes Umfeld bieten", heißt es auf der Seite. Nach dem Ende des Bürgerkriegs in Syrien sollen die Kinder "gesund und wohlbehalten in ihre Heimatregion zurückkehren können". Die Homepage beantwortet alle wichtigen Fragen: Wer darf ein Kind aufnehmen, wie lange soll es bleiben, welche Staatsbürgerschaft und Sprachkenntnisse sind nötig. Ein Werbefilm zeigt ein Pflegepaar, das sich auf sein neues Familienmitglied freut. Fotos zeigen syrische Kinder, die glücklich Bilder von Manuela Schwesig in die Kamera zeigen. Auf dem Seitenkopf prangt das Logo des Ministeriums.

Doch der Anschein täuscht. Die Ministerin hat mit der Aktion nichts zu tun. Die Pressestelle des Ministeriums distanzierte sich von der Seite: Die "Kindertransporthilfe des Bundes" sei keine Internetseite und keine Aktion des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Das Logo sowie Fotos und Unterschriften der Ministerin und des Staatssekretärs seien ohne Wissen und ohne Genehmigung des Ministeriums genutzt worden, sagte eine Sprecherin.

Hinter der Seite verbirgt sich die Künstlergruppe Zentrum für Politische Schönheit, ihre Kunstform bezeichnen sie als Hyperrealismus, der Fiktion und Realität kombiniert. "Es geht um Wirksamkeit und neue Verknüpfungen", sagt die Künstlerin Katharina Wittich. Wenn die einzige Reaktion der Bundesregierung auf das syrische Flüchtlingsdrama sei, 10.000 Kontingentflüchtlinge aufzunehmen, müsse man eben andere Wege gehen, sagt sie.

Auf der Webseite können interessierte Pflegeeltern eine Hotline anrufen. Statt im Ministerium landen sie bei Wittich und ihren Kollegen. "Die meisten halten die Aktion für echt", sagt sie. Mehr als 350 Anmeldungen seien bereits eingegangen. Seit Montag ist die Seite online.

Schwesigs Reaktion steht aus

Dass das Projekt falsche Hoffnung wecke, streiten die Macher ab. Die fotografierten Kinder in Aleppo wüssten genau um was es bei dem Projekt gehe und hätten gerne mitgemacht. "Von ihnen denkt keines, dass es jetzt es sofort nach Deutschland kommt", sagt Philipp Ruch, der Gründer der Künstlergruppe. 

Die Künstler versuchen jetzt, den Menschen, die helfen wollen, tatsächlich Kinder zu vermitteln. Fiktion soll zur Realität werden. "Wir sind mit verschiedenen Organisationen im Gespräch", sagt Wittich. Am Mittwoch ist dann ein Treffen mit Schwesig geplant, am liebsten wollen die Künstler der Ministerin die "schlüsselfertige Aktion" tatsächlich übergeben.

Das fiktive Hilfsprogramm adaptiert das historische Vorbild der Kindertransporte von 1938/39. Jüdische Kinder wurden damals vor dem Holocaust gerettet. Fünf Überlebende der historischen Kindertransporte unterstützen das Kunstprojekt. Zwei der Überlebenden wollen sich am Freitag an Angela Merkel wenden.

Mehr als neun Millionen Syrer auf der Flucht

Mit mehr als neun Millionen Menschen sind nach Angaben der UN wegen des syrischen Bürgerkriegs auf der Flucht. Die UN bezeichnen die Folgen des Bürgerkriegs als das "weltweit größte Flüchtlingsdrama". Seit dem Ausbruch des Konflikts vor drei Jahren seien mehr als 2,5 Millionen Syrer ins Ausland geflohen, weitere 6,5 Millionen seien zu Vertriebenen im eigenen Land geworden.

Insgesamt seien dies bereits mehr als 40 Prozent der Bevölkerung Syriens, heißt es in einer Erklärung des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR). Mindestens die Hälfte der vom Krieg vertriebenen Syrer seien Kinder.