Es ist eine Niederlage, die man wieder als Sieg deuten wird. Sollte der nächste Präsident der EU-Kommission wirklich Jean-Claude Juncker heißen, wird das in Deutschland als Erfolg der Kanzlerin gelten. Angela Merkel habe Juncker durchgesetzt, wird es heißen. Sie habe sogar seine härtesten Gegner – die Briten – überzeugt.

Was für ein Unsinn. Merkel wollte Juncker nie, und man weiß auch, dass sie ihn nie wollte. Sie hat sich in dieser Personalfrage schlicht verzockt. Sie hatte damit gerechnet, dass der Spitzenkandidat der Konservativen keine Mehrheit im neugewählten EU-Parlament bekäme. Nun aber wird wohl Juncker die EU-Kommission führen. Und Merkel wird als diejenige gelten, die dem Wählerwillen zum Durchbruch verhalf.

So ist es immer. Merkel gilt als erfolgreiche Europapolitikerin. Als Retterin des Euro. Es ist die Erzählung der vergangenen Jahre, seit dem die Krise den Kontinent erfasste. Aber stimmt sie denn auch?

In Wahrheit ist es doch so, dass Merkel vor allem eine Politikerin mit ausgeprägtem Sinn für das Nationale – für ihre Wahrnehmung zu Hause – ist, gepaart mit einem ungeheuren taktischen Geschick. Beides, das Nationale wie das Taktische, führt dazu, dass Merkel sich niemals festlegt, oder wenn überhaupt, dann sehr spät. So wird ihre große Schwäche – sich nicht entscheiden zu wollen – in Europa zur Stärke. Denn wenn die 27 anderen Staats- und Regierungschefs sich längst festgelegt haben, kann sie sich immer noch bewegen.

Die Erzählung der Woche

Na gut, könnte man jetzt einwenden: Es ist doch vollkommen gleich, wie Merkel sich verhält, denn am Ende zählt nur der Erfolg. Und Europa ist in der Krise ja nicht auseinander gebrochen, oder?

Ein wichtiger Einwand. Nur ist es eben so, dass der Erfolg vor allem mit den Entscheidungen der Europäischen Zentralbank und ihrem Präsidenten Mario Draghi zu tun hat. Während die Misserfolge der Krisenjahre – das Erstarken der nationalen Kräfte in Europa; die wachsende Unzufriedenheit der Bürger; die tiefe Kluft zwischen den Ländern des Südens und denen des Nordens – vor allem politische Ursachen haben. Es sind auch Merkels Misserfolge. Erinnert sich irgendwer im Land an eine kraftvolle Rede der Kanzlerin? An einen starken Auftritt, in dem sie wirklich für Europa kämpfte? Merkels Krisenpolitik hat Gräben aufgerissen, die Mario Draghi mit billigem Geld wieder zuschütten muss.

Woher stammt also das Bild von der erfolgreichen Kanzlerin? In der Politik geht es immer auch darum, eine Geschichte zu erzählen – und die besten Geschichten kommen offenbar aus dem Umfeld von Merkel. Auch da gibt es ein Muster: Ihre Leute sind sehr gut darin, vor fast jedem EU-Gipfel auf einen vermeintlichen Streitpunkt hinzuweisen: Etwas, wofür die Kanzlerin gerade besonders hart kämpft, oder eine Forderung der anderen Staats- und Regierungschefs, gegen die sich Merkel besonders hart wehrt. Meist ist der Streit aber gar keiner. Oder Merkel hat längst Zugeständnisse gemacht, von denen die Öffentlichkeit aber nichts mitbekommt. In jedem Fall geht Merkel damit auf dem Gipfel selbst als Siegerin vom Feld.