Ex-Bundespräsident Christian Wulff bei der Buchvorstellung in Berlin © Sean Gallup/Getty Images

Zuerst ist nur das Buch auf dem Rednerpult zu sehen. GANZ OBEN, GANZ UNTEN, steht schlicht in schwarzen und grauen Großbuchstaben auf dem Cover. Kein Foto des Autors, der knapp zwei Jahre lang deutsches Staatsoberhaupt war. Erst dann betritt Christian Wulff mit den Verlagsleuten den Raum. Der Bundespräsident a.D. steht noch einmal im Blitzlichtgewitter der Fotografen und im Scheinwerferlicht der Fernsehkameras, Nachrichtensender übertragen live, etwa 150 Medienvertreter sind zur Vorstellung seines Buches gekommen.

Dieses Mal sind die Rollen anders verteilt. Anders als während seiner Affäre, die Wulff Anfang 2012 zum Rücktritt zwang, und anders als im Prozess im Hannover, der zwei Jahre später mit seinem Freispruch endete, sitzt diesmal nicht Wulff auf der Anklagebank. An diesem Tag und mit diesem Buch, das ahnen die Journalisten, die vorher keine Zeile daraus lesen durften, wird der CDU-Politiker sie anklagen, gemeinsam mit der Justiz.

Ganz oben, Ganz unten: Der Titel soll, so sagt es der Lektor und so wiederholt es Wulff, programmatisch für den Inhalt stehen. Nämlich dafür, wie ein beliebter Bundespräsident im Zusammenspiel von Medien und Justiz zum "Verfemten" und zum "Schandfleck der Nation" gemacht worden sei. Und schließlich zum Rücktritt gedrängt.

Wird die Justiz von den Medien getrieben?

Wulff greift zunächst einen Satz aus seiner Rücktrittserklärung auf. Die gegen ihn eingeleiteten Ermittlungen wegen des Verdachts der Vorteilsannahme würden zu seiner vollständigen Entlastung führen, hatte er damals vorausgesagt. Durch das Urteil des Landesgerichts Hannover, das ihn Ende Februar von allen Anschuldigungen freigesprochen hatte, sieht er sich darin bestätigt.

Aber Wulff will mehr, viel mehr, daran lässt er keinen Zweifel. Er will seine Ehre wiederhergestellt sehen, die er durch einzelne Medien immer noch verletzt sieht. Und er möchte seinen Fall zu einem politischen Lehrstück machen, wie sich die Machtbalance zwischen Politik, Medien und Justiz verschoben habe und wie die Unschuldsvermutung ausgehebelt werde. Er fordert Konsequenzen, damit sich so etwas nicht wiederholen könne.

Medien und Justiz hätten sich in seinem Fall die Bälle zugeworfen, kritisiert der Ex-Bundespräsident. Erst unter dem Druck der Medienveröffentlichungen habe die Staatsanwaltschaft die Aufhebung seiner Immunität beantragt und Ermittlungen eingeleitet. Das, so Wulff, stelle eine "ernsthafte Gefahr" für die Demokratie dar, und es untergrabe das Vertrauen in die Medien.

Aber natürlich möchte Wulff sein Buch nicht als "Abrechnung" verstanden wissen oder als Rechtfertigungsschrift. Vielmehr habe er den vielen Versionen, die über ihn im Umlauf seien, all den Vorverurteilungen, die durch den juristischen Freispruch nicht aufgehoben seien, nur "meine eigene Wahrheit" entgegensetzen wollen. Damit sich die Leser ihr eigenes Urteil bilden könnten. Wie in seinem Prozess gelte: "Ich erwarte ein gerechtes Urteil und vertraue auf die Fakten."