Zehn Jahre nach dem Nagelbombenanschlag in der Kölner Keupstraße hat Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) sein Bedauern über das Versagen Deutschlands ausgedrückt. "Ich schäme mich dafür, dass der deutsche Staat es über so viele Jahre nicht geschafft hat, dafür zu sorgen, dass unbescholtene Bürgerinnen und Bürger besser geschützt wurden", sagte Maas. Auch kritisierte er die Kriminalisierung der Opfer. Diese sei unverständlich und ein Punkt, der bis heute nicht abschließend aufgeklärt worden sei. "Da haben Viele Fehler gemacht", sagte Maas während einer Podiumsdiskussion in Köln.

Zurückhaltend äußerte sich Maas allerdings zu Forderungen, das Versagen bei der Aufklärung der NSU-Verbrechen durch einen weiteren Untersuchungsausschuss des Bundestages zu untersuchen. Die Politik sei derzeit dabei, die Empfehlungen des U-Ausschusses aus der abgelaufenen Legislaturperiode abzuarbeiten, sagte der Bundesjustizminister. Er wolle nicht sagen, dass es derzeit im Bundestag die "unbedingte Notwendigkeit" gebe, den U-Ausschuss neu aufzulegen.

Bundespräsident Joachim Gauck rief alle Bürger zu gegenseitigem Respekt und zu gemeinsamem Eintreten gegen Hass und Gewalt auf. "Euer Hass ist unser Ansporn", sagte Gauck an die "rechtsextremen Verächter der Demokratie" gerichtet. Den Opfern des Terrors und ihren Angehörigen sprach der Präsident während der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Anschlags und ihre Familien sein Mitgefühl aus.

"Wir denken heute auch daran, wie viele Betroffene sich später allein gelassen oder sogar als Verdächtige behandelt fühlen mussten, wie viel Misstrauen damals gesät wurde", sagte Gauck auf der Kundgebung, die unter dem Motto "Birlikte" (türkisch: "Zusammenstehen") stattfand.

Gauck sagte, der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) habe mit seinen zehn Morden und dem Bombenanschlag wie in der Keupstraße "zu zerstören versucht, was uns in Deutschland wertvoll ist: das selbstverständliche Miteinander der Verschiedenen".

Die Gedenkveranstaltung wertete Gauck auch als eine Botschaft an die rechtsextremen Verächter unserer Demokratie: "Wir zeigen, wie wir in unserem Land leben wollen: respektvoll und friedlich. Wir sind verschieden. Aber wir gehören zusammen. Und wir stehen zusammen, um allen, die von fremdenfeindlicher Gewalt bedroht sind, zu sagen: Ihr seid nicht allein."

Grüne fordern Umbau des Verfassungsschutzes

Grünen-Parteichef Cem Özdemir nannte es in Berlin "einen Skandal, dass die Hintergründe der NSU-Verbrechen nach wie vor nicht restlos aufgeklärt sind". Der Anstand gegenüber den Opfern gebiete es, Konsequenzen aus den zahlreichen Ermittlungspannen zu ziehen. Özdemir verlangte insbesondere erneut einen "radikalen Schnitt" beim Bundesamt für Verfassungsschutz "in personeller und struktureller Hinsicht".

Der Zentralrat der Muslime (ZMD) forderte angesichts des Kölner Jahrestags eine lückenlose Aufarbeitung aller NSU-Anschläge. "Auch zehn Jahre nach diesem schrecklichen Tag und zweieinhalb Jahre nach der Aufdeckung der NSU-Terrorzelle erschrecken die fahrlässigen polizeilichen Ermittlungen", sagte der Zentralrat. Er forderte eine kritische Analyse der damaligen Ereignisse, "damit so etwas nie mehr wieder geschehen kann".

Am 9. Juni 2004 war in der überwiegend von Migranten bewohnten Keupstraße in Köln-Mülheim eine Nagelbombe explodiert. 22 Menschen wurden verletzt, manche lebensgefährlich. Die Polizei glaubte lange nicht an einen rechtsextremen Hintergrund. Erst Ende 2011 wurde deutlich, dass die NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt wohl auch für diesen Anschlag verantwortlich gewesen waren.