Heiko Maas kokettiert gerne damit, ein Ausdauersportler zu sein. Triathlon baue seine Aggressionen ab, sagte er in Wahlkampfzeiten wiederholt. Mit dem geliebten Marathon umschreibt der SPD-Politiker außerdem seine lange eher schleppend verlaufende politische Karriere: Der heute 47-Jährige galt als ewiger Ziehsohn des übermächtigen Saarländers und Ex-Sozialdemokraten Oskar Lafontaine. 13 lange Jahre war Maas Oppositionsführer im kleinen Saarbrücker Landtag, nie gewann er eine Wahl. Auch nicht, als Lafontaine schon längst die Linkspartei gegründet hatte.

2011 wurde Maas schließlich stellvertretender Ministerpräsident in einer großen Koalition – immerhin. Mit dem Angebot von SPD-Chef Sigmar Gabriel, ihn zum Bundesjustizminister zu machen, kam im vergangenen Herbst dann endlich die ganz große Karrierechance. Im neuen Metier machte Maas eine gute Figur, es gab wohlwollende Berichterstattung, alles lief perfekt.

Doch seit ein paar Wochen kommen aus der Heimat Schlagzeilen, die so gar nicht gut für den SPD-Politiker sind. Es geht um ein weiteres sportliches Faible von Heiko Maas: Den Fußball. Sein Engagement für die "Roten Hosen", der Hobby-Fußballmannschaft der SPD-Fraktion im Saarländischen Landtag, steht inzwischen auch überregional im Fokus.

Von 2004 bis 2009, so moniert ein Bericht des saarländischen Rechnungshofes, soll die Fraktionsmannschaft für ihr Hobby nach Plenumsschluss 83.000 Euro ausgeben haben. Aus Steuergeldern. Maas war damals Vorsitzender der 18-köpfigen Fraktion und auch Kapitän der "Roten Hosen". Im Saarländischen Rundfunk kann man Bilder des heutigen Ministers mit seiner Fußball-Crew bestaunen, die unter anderem mehrfach in einem teuren Schwarzwälder Hotel abgestiegen sein soll.

Vertraute von Maas beschuldigt

Inzwischen hat die SPD-Fraktion auf Drängen des Rechnungshofes die Saarbrücker Staatsanwaltschaft eingeschaltet. Sie ermittelt gegen drei Mitarbeiter der Fraktion wegen Untreue und zweckwidriger Verwendung von Fraktionsgeldern. Der langjährige Kassenwart der Fraktion steht im Verdacht, Steuergelder auch für Privatzwecke abgezweigt zu haben. Ebenso verhält es sich mit dem ehemaligen Fahrer von Heiko Maas, der die Ausflüge und Finanzen der "Roten Hosen" mitorganisierte. Seit vergangener Woche ermittelt die Staatsanwaltschaft außerdem gegen den damaligen Fraktionsgeschäftsführer – einen sehr engen und langjährigen Weggefährten von Heiko Maas.

Schon längst geht es nicht mehr nur um Fußball. Die Staatsanwaltschaft interessiert sich auch für Tankbelege von Maas' Dienstwagen aus dieser Zeit. Das Benzin wurde über die Fraktionskasse abgerechnet  – laut Belege wurde allerdings Super-Benzin getankt, obwohl doch die Dienstwagen mit Diesel fahren. Wie der Saarländische Rundfunk berichtet, ist auch der Verbleib von 15.893 Euro aus der Fraktionskasse ungesichert. Die Staatsanwaltschaft verweist darauf, dass sie nur einen Teil der Vorwürfe aus dem Prüfbericht untersuchen kann – der Rest der zum Teil zehn Jahre alten Vorgänge ist bereits verjährt. Aber offenbar, so der Anfangsverdacht, haben sich da mehrere in die eigene Tasche gewirtschaftet. 

Gegen den Bundesjustizminister erhebt die Staatsanwaltschaft bisher keine Vorwürfe. Ein Sprecher der saarländischen SPD-Fraktion betont auf Anfrage: Die "Prüfungsmitteilung" des saarländischen Rechnungshofes sei nur ein nicht öffentlicher Zwischenbericht, zu dem die Sozialdemokraten noch bis September Rechenschaft ablegen könnten. Einige Vorwürfe seien leicht ausräumbar, andere nehme man "sehr ernst".  "Die Fraktionsmitglieder wurden wahrscheinlich von ehemaligen Mitarbeitern getäuscht und hintergangen", sagt der Sprecher.

Heiko Maas, so versichern sie in seiner Umgebung, habe von den Unregelmäßigkeiten keine Kenntnis gehabt. Stimmt das? Der  Rechnungshof schreibt nach Angaben der Saarbrücker Zeitung in seinem Bericht, dass die "Verantwortlichen" in der SPD-Fraktion schon länger von Problemen in der eigenen Buchhaltung wussten. Tatsächlich war der zuständige Mitarbeiter wegen schlechter Arbeit abgemahnt worden. Von eventuellen "kriminellen Handlungen" habe die Fraktionsführung aber nichts geahnt, sagt der SPD-Sprecher.

Auf Kosten des Steuerzahlers im Wellness-Hotel?

In der saarländischen SPD ahnen sie natürlich, dass die Finanzaffäre so oder so brisant für den heutigen Bundesjustizminister ist. Allein Ausgaben in Höhe von 83.000 Euro an Steuergeldern für eine Fußballmannschaft werfen Fragen auf. Das Saarland ist hoch verschuldet, weswegen die in Saarbrücken regierende große Koalition sich eigentlich strengste Haushaltsdisziplin verordnet hat.

In dem kleinen Bundesland, das weniger Einwohner hat als Köln, wird viel geredet, alle sind immer über alles informiert. Ausgerechnet der schlampige oder kriminelle Umgang mit Steuergeldern in seiner eigenen 18-köpfigen Fraktion soll dem langjährigen Vorsitzenden Maas entgangen sein? Bezüglich der Finanzierung der "Roten Hosen" gab es ab 2010 plötzlich eine höhere Sensibilität. Da beschlossen die Abgeordneten unter der Führung von Maas, fortan jährlich nur noch 4.000 Euro an Steuergeldern für das Kicken auszugeben.

Der SPD- Sprecher betont in diesen Tagen gerne, dass so eine Fraktionsfußballmannschaft ja auch der Öffentlichkeitsarbeit diene. Und dass niemand wisse, wie viel Geld wirklich in die "Roten Hosen" geflossen sei. Vielleicht auch viel weniger als die 80.000. Bei den aktuellen Ermittlungen zeigen sich die Sozialdemokraten nicht so kooperativ, wie sich das die Saarbrücker Staatsanwaltschaft wünschen würde. Die Fraktion kann viele Belege und Fahrtenbücher derzeit angeblich nicht finden. 

883 Euro an der Bar

Erklärungsbedarf gibt es auch bezüglich kostenträchtiger Wochenend-Trips der  "Roten Hosen" in den Gesundheitspark Höchenschwand im Schwarzwald. Dort nahmen die SPD-Kicker  jedes Jahr an einem Tunier von "Altherren-Mannschaften" teil. 2009 ließen sich die "Roten Hosen" diesen Aufenthalt in einem Wellness-Hotel nach Angaben der Staatsanwaltschaft 7.800 Euro kosten. Wie die Saarbrücker Zeitung berichtet, seien es im Jahr zuvor sogar 12.096 Euro gewesen – für 72 Mitreisende. Allein 883 Euro hätten die Kicker an der Hotelbar gelassen.

In der SPD wird beteuert, jeder Mitfahrende habe damals einen Eigenbetrag von mindestens 150 Euro bezahlt – die  "Altherren-Turniere" seien also keinesfalls vollkommen aus Steuergeldern beglichen worden. Doch leider gebe es keine Teilnehmerlisten von diesen Events, sagt ein Sprecher. Die "Eigenbeträge" können derzeit auch nicht nachgewiesen werden. Für die sei der beschuldigte ehemalige Fahrer des Fraktionsvorsitzenden zuständig gewesen, betont der SPD-Sprecher.  

Sicher ist, dass Heiko Maas regelmäßig mitkickte. Auch die Fußballmannschaft des damals CDU-geführten Landesumweltministeriums trainierte mindestens einmal im Schwarzwald. Die Staatsanwaltschaft Saarbrücken möchte jetzt herausfinden, wie die denn ihre Trips finanzierte.

Es ist durchaus erstaunlich, dass die anderen saarländischen Parteien bisher wenige Worte über den SPD-Skandal verlieren. Vielleicht liegt es daran, dass der Landesrechnungshof sich künftig auch die Ausgaben der anderen Landtagsfraktionen genau anschauen will. Die SPD war einfach als erste an der Reihe. Auch die Saar-CDU finanziert sich eine eigene Fußballmannschaft für ihre Abgeordneten. Diese soll aber in den betreffenden vier Jahren nur 6.500 Euro gekostet haben, wie eine Sprecherin gegenüber der FAZ betonte.

Heiko Maas selbst zieht es vor, derzeit zu schweigen – zu den Vorwürfen gegen seine ehemaligen Mitarbeiter, aber auch zu den teuren Aktivitäten seiner "Roten Hosen", für die er so gerne kickte. Die Mannschaft der SPD-Abgeordneten hat sich inzwischen aufgelöst.