Vor dem Tagungsort, einem vornehmen Hotel in Berlin-Mitte, haben sich am Morgen ein paar Demonstranten versammelt. Sie protestieren gegen die Geschäfte der deutschen Rüstungskonzerne, deren Spitzen dort zu ihrer "2. Berliner Strategiekonferenz" zusammenkommen.

Als der Verband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie Jean-Claude Juncker als prominenten Redner zu dem Kongress einlud, konnten beide nicht ahnen, dass der in diesen Tagen im Mittelpunkt des europäischen Interesses stehen würde: als künftiger Präsident der Europäischen Kommission. 

Juncker, vom Vizepräsidenten des Verbandes als designierter Chef der Brüsseler Behörde angekündigt, kokettierte denn auch munter mit seiner Rolle. Nein, designiert sei er "noch nicht", sagte er unter dem Lachen des Publikums aus den Chefetagen der Rüstungsbranche und der deutschen Sicherheitspolitik. "Im Moment weiß ich nicht, was ich bin und was ich werde." Er bitte, ihm diese "politische Transsexualität" nachzusehen.

Der frühere Luxemburger Premier weiß jedoch genau, dass die Weichen für ihn gestellt sind: Als EVP-Spitzenkandidat wird er auf dem EU-Gipfel am Freitag als Kommissionschef nominiert werden. Daran besteht kein Zweifel mehr, und deshalb ist an diesem Tag alle Aufmerksamkeit auf ihn gerichtet.

Mögliche Restzweifel angesichts des anhaltenden Widerstands, der ihm aus Großbritannien und aus einigen anderen Ländern entgegenschlägt, kleidet Juncker in die spöttischen Worte: "Wenn der gesunde Menschenverstand es will, werde ich Ende der Woche designierter Kommissionspräsident sein." Aber man wisse natürlich, "dass der gesunde Menschenverstand sehr unterschiedlich verteilt ist". Namen seiner Gegenspieler musste er nicht nennen – die sind jedem ihm Saal bekannt.

Juncker will keine Ruhe geben

Allerdings ist es weniger der Menschenverstand, es sind vor allem das Beharren des Europaparlaments und sein eigenes Durchhaltevermögen, die aus dem im Dezember abgewählten Regierungschef des zweitkleinsten EU-Staates und langgedienten europäischen Strippenzieher nun wohl den neuen Chef der EU-Exekutive machen. Wie sehr ihm der Machtkampf zwischen dem Parlament und den Regierungschefs geschadet habe, wird Juncker von der Moderatorin gefragt. "Europa wird das überleben – ich auch", erwidert er. Ob er denn zwischenzeitlich daran gedacht habe, aufzugeben und seine Kandidatur zurückzuziehen, um die Gemüter zu beruhigen? "Es geht nicht darum, Ruhe in den Laden zu bringen", antwortet er, und fügt in Richtung seiner Gegner nur halb ironisch hinzu: "Da man mir keine Ruhe gönnt, werde ich sie auch nicht geben." Da hat Juncker die Lacher auf seiner Seite.

Denn die Herren der Rüstungsindustrie in ihren grauen und schwarzen Anzügen kennen es, sich gegen politische Widerstände durchzusetzen. Juncker redet allerdings auch ihnen nicht nach dem Mund. Um "Europas neue Verantwortung" geht es auf dem Podium. Doch während die meisten Teilnehmer darunter vor allem erhöhte Ausgaben für die europäische Verteidigung verstehen, betont Juncker, dass Sicherheit und Stabilität mehr seien als das rein Militärische. Dazu gehöre auch die Nachbarschaftspolitik gegenüber Osteuropa, Russland und den Mittelmeer-Anrainerstaaten, die die EU verstärken müsse, ebenso wie die Bekämpfung der Armut in der Welt und des Klimawandels.