Zweieinhalb Stunden soll es hinter verschlossenen Türen heftig zur Sache gegangen sein. Gegen den Gesetzentwurf der Bundesregierung zum Mindestlohn regt sich in der Unionsfraktion Unmut auf "breiter Front", wie Abgeordnete es nach der Fraktionssitzung am Dienstag berichteten. Die Kanzlerin versuchte laut einem Teilnehmer zu beschwichtigen, indem sie auf den Koalitionsvertrag verwies. Aber das habe kaum zur Entspannung beigetragen. Die Diskussion hält weiter an.  

Und das obwohl sich der Parlamentarische Geschäftsführer Michael Grosse-Brömer noch am Vormittag vor der Sitzung sicher war, dass es zum Mindestlohn innerhalb der CDU/CSU eine ruhigere Debatte geben werde. Kein Vergleich zum Rentenpaket, versuchte Grosse-Brömer etwas klein zu reden, was offenbar innerhalb CDU/CSU hohe Wellen schlägt. "Da hat er sich aber geirrt", sagte ein Unionsmitglied am Dienstagabend. Der Widerstand sei mindestens genau so stark wie bei der Rente mit 63 – "wenn nicht noch stärker".

In einem internen Brief, der ZEIT ONLINE vorliegt, bitten die ostdeutschen Unionsabgeordneten ihren Fraktionsvorsitzenden Volker Kauder nachdrücklich um Korrekturen. Der Brief wird einstimmig mitgetragen von der Fraktionsgruppe Aufbau Ost, in der alle ostdeutschen CDU-Abgeordneten sind.

Die Einführung des gesetzlichen Mindestlohns bereite den CDU-Abgeordneten "große Sorgen", es stehen "Arbeitsplätze, Wachstum und Wohlstand in weiten Teilen Ostdeutschlands auf dem Spiel", heißt es in dem Brief.

Die Bedenken innerhalb der Union sind nicht neu, schon immer fremdelte der Wirtschaftsflügel mit der in unionsdeutsch sogenannten Lohnuntergrenze. Dennoch raufte man sich zusammen, zurrte den Mindestlohn im Koalitionsvertrag fest.  Die Fachpolitiker aus Union und SPD handelten den Kompromiss aus. Man dachte die Sache sei damit erledigt. Aber mitnichten. Innerhalb der CDU hat sich nun eine Opposition formiert, die lautstark rebelliert und ankündigte, das Gesetz in dieser Form nicht mitzutragen.

Waren es bei der Rente vor allem wenige jüngere CDU-Abgeordnete, die dagegen gestimmt haben, ziehe sich die Ablehnung nun durch das gesamte Unionslager. Der Wirtschaftsflügel, die Ostdeutschen, die Jungen – sie alle haben Probleme mit dem neuen Mindestlohn.

An die Abmachungen des Koalitionsvertrages werde man sich halten, versichern die Ost-CDUler in ihrem Brief. Man habe auch nichts gegen die Höhe von 8,50 Euro, sagte auch einer der Hauptkritiker aus der CSU, der Abgeordnete Hans Michelbach zu ZEIT ONLINE. Doch es gebe eine ganze Palette an Details im Gesetzesentwurf des SPD-Arbeitsministeriums, die man so nicht mittragen könne.

Ein Hauptkritikpunkt ist die künftige Vergütung für Praktikanten, die länger als sechs Wochen ein freiwilliges Praktikum absolvieren. Denn diesen Praktikanten stehe nun der Mindestlohn zu: 8,50 pro Stunde, rund 1.300 Euro pro Monat. "Ein Auszubildender im Vergleich verdient dazu im dritten Lehrjahr nur 650 Euro", sagt Michelbach.