Der ehemalige SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat die Medien wegen ihres Umgangs mit Bundespräsident Christian Wulff scharf kritisiert. "Mit einem gewissen Abstand stellen sich der 'Abschuss' und die Entwürdigung von Christian Wulff als Skandal eines gewalttätigen Journalismus im Umgang mit einem Politiker dar", schreibt Steinbrück in der aktuellen Ausgabe der ZEIT. "Im Falle Wulff wurde aus der scharfen Klinge der Meinungsfreiheit ein Folterwerkzeug."

Den Umgang der Medien mit Wulff hebt Steinbrück auf die gleiche Stufe wie die Spiegel-Affäre. Nicht wenigen sei in der Geschichte der Sinn für Verhältnismäßigkeit und die Achtung vor Rechtsprinzipien abhandengekommen, schreibt der frühere Bundesfinanzminister. "Die Spiegel-Affäre vor über 50 Jahren war schlechthin der Skandal der Politik im Umgang mit einem kritischen Journalismus und der Pressefreiheit. Jetzt ist es umgekehrt", so Steinbrück.

Der SPD-Politiker hat Wulffs Buch Ganz oben, Ganz unten für die ZEIT rezensiert. Steinbrück äußert dabei großes Verständnis für das Schreiben des Buches. Wulff müsse sich weder verteidigen noch rechtfertigen. Er wolle nur seine subjektive Sicht der Affäre schildern. "Was denn sonst?", schreibt Steinbrück. "Der Autor des Buches Ganz oben, Ganz unten ist aber unschuldig." Nichts von dem, was ihm medial vorgeworfen und juristisch ins Feld geführt wurde, habe Bestand. Auch wenn Wulff sicher auch Fehler begangen habe. 

 "Es beschämt mich, dass ich den richtigen Zeitpunkt für eine Geste gegenüber Christian Wulff verpasst habe", fügt er selbstkritisch hinzu.   

Für Steinbrück ist die Geschichte Wulffs kein Einzelfall, sondern paradigmatisch für den Umgang der Medien mit der politischen Klasse: "Unter dem Druck des Wettbewerbs um Auflage, Quote und Klicks, im Hochgeschwindigkeitsjournalismus um die erste und die süffigste Nachricht, in der Tendenz zur Personalisierung und Reduzierung von Politik auf Duellsituationen haben wir es gewiss mit anderen Zeiten zu tun als jener, in der es nur zwei öffentliche Fernsehanstalten, kein Internet, keine Onlinedienste und kein Twitter gab", so Steinbrück.

Wulff war am 17. Februar 2012 nach 598 Tagen infolge der Affäre um die angebliche Annahme von Vorteilen als bislang jüngster Bundespräsident zurückgetreten. Das Landgericht Hannover hatte den heute 54-Jährigen Ende Februar vom Vorwurf der Vorteilsnahme in seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident freigesprochen. In seiner Autobiografie schreibt er, er sei heute davon überzeugt, dass sein Rücktritt 2012 falsch war. "Ich wäre auch heute der Richtige in dem Amt", sagte Wulff bei der Vorstellung des Buches.

In dem Beitrag in der ZEIT greift Steinbrück auch einzelne Medien für ihren Umgang mit Christian Wulff an und übt Kritik an der Beziehung zwischen Journalismus und Justiz. Viele hätten sich "an der politischen und persönlichen Verfolgung und Zurschaustellung von Christian Wulff" beteiligt oder hätten andere gewähren lassen.