Längst eine Ikone: die Hand-Raute der Angela Merkel © Fabrizio Bensch/Reuters

Wenn es ein übergeordnetes Prinzip gibt, das unsere Epoche kennzeichnet, dann ist es die Abwesenheit eines solchen. Die politischen Utopien sind gescheitert, die großen Geschichtstheorien aus der Mode gekommen. Die Volkswirtschaft musste sich eingestehen, nicht einmal die fundamentale Finanzkrise der vergangenen Jahre vorausgesehen zu haben. Die heute dominierenden Natur- und Ingenieurwissenschaften behaupten erst gar nicht, etwas von jener vertrackten vernetzten Realität zu verstehen, die sie selbst täglich mit erschaffen – in der Medizin, Chemie und Biologie, in der Technik, in diesem Internet.

Wie also sollen Politiker im 21. Jahrhundert ihrer Arbeit nachgehen, wenn morgen ganz unerwartet das nächste Google entstehen kann, der nächste große Aufschwung, aber auch die nächste Eurokrise, das nächste Fukushima, der nächste 11. September, der nächste Krieg im befriedeten Europa?

Angela Dorothea Merkel, geborene Kasner, die am 17. Juli 60 Jahre alt wird, passt perfekt in diese Zeit. Sie ist zur modernsten Politikerin des 21. Jahrhunderts geworden und gilt heute als "mächtigste deutsche Frau seit Katharina die Große Russland regierte" (New York Times). Zu Anfang wirkte die promovierte Physikerin "mehr pragmatisch als charismatisch" sowie "langweilig, provinziell und eher unelegant" (BBC). Ihre in der DDR und im Studium erworbene Abneigung gegen all die großen Ideologien, Thesen und Gesten harmonierten gut mit ihrer so geringen Ausstattung an Charisma.

Merkel erhob das schöpferische Durchwursteln zur höchsten Staatskunst

Dank ihres Fundaments in der statistischen Physik erhob sie stattdessen das vorsichtige Experimentieren zu einer nie gekannten Staatskunst, das schöpferische Durchwursteln, das bedächtige Herantasten, das iterative Justieren. "Jeder Schritt muss in seinen Folgen beherrschbar bleiben", sagt sie. Wenn nicht, ist Angela Merkel nicht zu haben – und lässt sich dafür immer wieder auch international harsch kritisieren, sei es für ihr kolportiertes Diktum, "so lange ich lebe" keiner gesamtschuldnerischen Haftung Europas zuzustimmen, sei es für ihre höchst irritierende Weigerung, sich nicht an einer Intervention in Libyen zu beteiligen und damit einsam an der Seite Chinas und Russlands zu stehen.

Eine Niederlage, versichern Merkels Biografen, sehe sie eher wie eine Wissenschaftlerin: als spannende Entdeckung dessen, was eben nicht funktioniert. Moderne Politik weiß um ihre begrenzten Mittel und ist deshalb zurückhaltend und bescheiden. Weil sie die Zukunft kaum erkennen kann, geht sie kleine, am besten reversible Schritte und überprüft dabei immer wieder ihre Hypothesen. Moderne Politiker denken nicht mehr in den ganz großen Bögen, sehen von den ganz großen Thesen ab, die großen Ideologien überlassen sie ihrer unrühmlichen Historie, die großen Gesten den Karikaturen großer Staatsmänner mit Namen wie Berlusconi oder Sarkozy. Viele von ihnen hat Merkel im Laufe ihrer Karriere scheitern sehen, und dazu ihren großen Förderer Helmut Kohl.

Den Mann, der mit drei Bestsellern ein populärwissenschaftliches Fundament für Merkels oft kritisierten Politikstil legte, kennt sie nicht persönlich. Die beiden begegneten sich nur einmal im Jahr 2009 beim Weltwirtschaftsforum in Davos, ohne zu wissen, wer der andere sei. Nassim Nicholas Taleb, ein Finanzmathematiker, im Libanon geboren und in den USA sozialisiert, hatte es an der Wall Street zu Wohlstand gebracht, bevor er mit einem Feldzug gegen die Hybris von Politikern, Ökonomen und allerlei Experten begann, die immer noch meinen, etwas prognostizieren oder gar lenken zu können.

Opportunismus als modernste Management-Methode

Die Weltläufte, so Talebs zentrale These, werden gerade von jenen Ereignissen dominiert, die wir aus Prinzip nicht vorhersehen können: Wenn wir noch nie einen schwarzen Schwan beobachtet haben, müssen wir annehmen, es seien auch in Zukunft alle weiß. Bis dann die Börse völlig unerwartet zusammen- oder ein Krieg in einem längst befriedeten Erdteil ausbricht. Die beste Strategie in solch einer unberechenbaren Welt, schreibt Taleb in seinem Hauptwerk Der Schwarze Schwan, sei es, "so viel wie möglich herumzuprobieren" und sich bietende Opportunitäten auszunutzen.

Das Talent der Angela Merkel, heraufziehende Chancen und Risiken zu erkennen und – ganz unabhängig von ihrer Überzeugung – opportun darauf zu reagieren, ist gut dokumentiert: beim nach Fukushima plötzlich betriebenen Atomausstieg, beim Ringen um Jean-Claude Juncker, als sie gleich mehrmals die Position wechselte, oder in der NSA-Affäre, in der sie zu Gunsten guter US-Beziehungen lange schwieg und auch angesichts der jüngsten Spionage-Skandale nur symbolisch handelt, um die Deutschen zu beruhigen.