Wenn Politiker von hochqualifizierten Zuwanderern sprechen, meinen sie Menschen wie diesen 36-jährigen Syrer: Er studierte Medizin, arbeitete sechs Jahre als Assistenzarzt in der Chirurgie und vier Jahre als Nervenchirurg. Dann zerrüttete der Bürgerkrieg das Land, der Arzt floh und landete in Augsburg. Im März 2014 reichte er einen Asylantrag ein.

Bisher müssen Flüchtlinge wie er neun Monate lang warten, erst dann prüfen die Behörden, welche Schule der Flüchtling besucht hat und ob er fließend Deutsch spricht. Diese Frist diente ursprünglich der Abschreckung und sollte die Anreize für Flüchtlinge vermindern, aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland zu kommen.

Ein neues Programm soll es Asylbewerbern jetzt ermöglichen, in Deutschland schneller Arbeit zu finden. Jeder Mensch hat Potential – Arbeitsmarktintegration von Asylbewerberinnen und Asylbewerbern heißt das Modellprojekt, bei dem Flüchtlinge schon während der gesetzlichen Wartezeit von neun Monaten auf ihre Qualifikationen getestet werden. Vor allem können sie in dieser Zeit bereits Deutschkurse besuchen. Die Flüchtlinge, die an dem Programm teilnehmen, können so nach Ablauf der Frist sofort arbeiten  – sobald sie den sogenannten Arbeitsmarktzugang bekommen.

Die Bundesagentur für Arbeit hofft, durch diese Tests ausländische Fachkräfte früher für den Arbeitsmarkt zu gewinnen: "Gerade vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels müssen wir gut qualifizierte Flüchtlinge fördern und deshalb stärker und früher in den Arbeitsmarkt integrieren", sagt Jürgen Wursthorn, Sprecher der Bundesagentur für Arbeit.

Der Modellversuch, den die Arbeitsagentur, das Arbeitsministerium und das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge konzipiert haben, startete im September 2013. Sechs Städte sind beteiligt: Dresden, Bremen, Freiburg, Hamburg und Köln und Augsburg. Etwa 170 Flüchtlinge nehmen insgesamt an dem Pilotprojekt teil, 40 davon in Augsburg.

"Die Leute hier wollen arbeiten", sagt Daniela Ruhrmann von der Arbeitsagentur Augsburg. "Die Flüchtlinge sagen zu mir: Nichts ist schlimmer, als monatelang herumzusitzen." Die Teilnehmer in Augsburg sind zwischen 20 und 40 Jahre alt und häufig gut ausgebildet: Manche arbeiteten als Bäcker, es gibt Handwerker, Lehrer und Maler. Das Problem: Die Flüchtlinge besitzen oft keine Zeugnisse und können ihre Qualifikation nicht nachweisen. Von der Agentur bekommen sie ein Formular mit Fragen wie: Welche Schule haben Sie besucht? Was ist Ihre Muttersprache, sprechen Sie Deutsch oder Englisch? Entscheidend ist, dass die Flüchtlinge schon während der Wartezeit Deutschkurse besuchen können, diese dauern oft mehrere Monate. "Die meisten können zwar schon ein paar Brocken. Aber das reicht für einen Beruf natürlich nicht", sagt Daniela Ruhrmann.

Die meisten Teilnehmer kommen aus Syrien

Die Teilnahme an dem Modellprojekt hat allerdings keine Auswirkungen auf das Asylverfahren der Flüchtlinge. Deshalb wählt die Arbeitsagentur besonders Bewerber aus Ländern aus, bei denen eine Anerkennung als politisch Verfolgter wahrscheinlich ist. Rund die Hälfte der 40 Teilnehmer kommt aus Syrien, der Rest aus Afghanistan, Pakistan und dem Iran.

Die Behörden werten im Herbst die ersten Ergebnisse aus und entscheiden dann, ob das Programm auf ganz Deutschland ausgeweitet wird. Grund für das Projekt sind zwei aktuelle Entwicklungen. Zum einen die steigende Zahl der Asylbewerber: 2013 stellten in Deutschland fast 110.000 Personen einen Asylantrag – im Vorjahr waren es nur rund 65.000. Für dieses Jahr wird noch mal ein deutlicher Anstieg erwartet.

Zum anderen suchen deutsche Firmen händeringend nach Fachkräften. Die schnellere Integration von qualifizierten Flüchtlingen könnte diese Lücke schließen. Die Wirtschaft interessiert sich besonders für Flüchtlinge im arbeitsfähigen Alter zwischen 25 und 64 Jahren. Nach Angaben der Arbeitsagentur stellten 2013 mehr als 50.000 Personen aus dieser Altersgruppe Erstanträge. Davon haben rund 40 Prozent eine Ausbildung.

Die Frist von neun Monaten ist noch nicht abgelaufen, noch arbeitet keiner der Teilnehmer aus dem Augsburger Projekt. Die ersten Erfahrungen mit dem Programm sind dennoch positiv: "Die Leute in unserem Programm sind oft hochmotiviert. Das ist ein Potenzial, was wir nutzen können", sagt Reinhold Demel, Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Augsburg.