Wer in Deutschland geboren und auch aufgewachsen ist, muss sich in Zukunft nicht mehr zwischen zwei Pässen entscheiden, sondern kann beide auf Dauer behalten. Die Parlamentarier im Deutschen Bundestag stimmten am Abend für das neue Staatsbürgerschaftsrecht. In namentlicher Abstimmung stimmten 463 Abgeordnete für und 111 Abgeordnete gegen das Gesetz. Es gab eine Enthaltung.

Die Regelung gilt unter einer Voraussetzung: Bis zum 21. Geburtstag muss jemand mindestens acht Jahre in Deutschland gelebt haben oder sechs Jahre hier zur Schule gegangen sein. Als Nachweis reichen auch ein deutscher Schulabschluss oder ein Ausbildungszeugnis. Liegen die Belege vor dem 21. Geburtstag nicht vor, schauen die Behörden nach dem Stichtag selbst ins Melderegister, ob die Person acht Jahre in Deutschland gemeldet war.  

Die bisherige Regelung sah vor, dass sich in Deutschland geborene Kinder ausländischer Eltern im Alter zwischen 18 und 23 Jahren entweder für die Staatsangehörigkeit ihrer Eltern oder für die deutsche entschieden. Diese sogenannte Optionspflicht galt seit dem Jahr 2000 rückwirkend für alle, die seit 1990 in Deutschland auf die Welt gekommen sind. Es gab bereits viele Ausnahmen: Für EU-Bürger und viele andere Nationalitäten war der Doppelpass kein Problem.    

Doppelpass begünstigt Menschen aus der Türkei und arabischen Staaten

Vor allem die in Deutschland lebenden Türken können von der Neuregelung profitieren. Geduldet wird der Doppelpass aber auch bei Migranten, deren Herkunftsländer eine Ausbürgerung nicht akzeptieren. Dazu gehören Marokko, Iran, Algerien, Syrien und die meisten lateinamerikanischen Staaten.

Das neue Gesetz gilt nicht rückwirkend, sodass Menschen, die vor 1990 geboren wurden, diese Wahlmöglichkeit nicht haben. Sie haben die Nationalität ihrer Eltern.

Zu viel Bürokratie, zu wenig Wirkung

Die meisten Kritiker der Neuregelung fordern für alle in Deutschland geborenen Kinder von Ausländern ohne Einschränkung den Anspruch auf den Doppelpass. Die türkische Gemeinde in Deutschland kritisiert, dass die umstrittene Optionspflicht faktisch bestehen bleibe. Türkischstämmige würden weiter benachteiligt. Die neue Regelung schaffe außerdem riesigen Bürokratieaufwand. Auch von der Linken und den Grünen kommt diese Kritik.      

Unklar ist bislang, wie viele junge Türken, die in Deutschland geboren wurden, die geforderten Kriterien erfüllen. Es dürfte aber die große Mehrheit der bisher Optionspflichtigen sein. CDU-Vize Armin Laschet geht davon aus, dass 90 Prozent der hier geborenen Kinder von Ausländern auch in Deutschland zur Schule gegangen sind – und damit Doppelstaatler werden können. Nach Einschätzung der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung, Aydan Özoguz (SPD), werden von der neuen Regelung ab 2018 jährlich 40.000 junge Menschen profitieren.