Ich gebe zu, auch ich habe über dieses Video dreier grüner Europa-Abgeordneter gelacht. Aber, um es selbstkritisch und mit dem Schauspieler Fritz Kortner zu sagen, unter meinem Niveau. 

Sicher, man kann den Auftritt der Straßburg-Jungpolitiker Jan Philipp Albrecht, Franziska ("Ska") Keller und Theresa ("Terry") Reintke schlicht für "gaga" halten. Shitstorms lassen sich heutzutage allerdings erschreckend leicht auslösen. Es reicht ein skandalisierendes "Framing", wie Psychologen es nennen, nach dem Motto: "Hast Du diiiieeeses peinliche Ding schon gesehen?!", um hundertfache, schwach reflektierte Häme im Netz zu entfesseln.

Im Fall von Albrecht, Keller und Reintke ist es allerdings doppelt ungerecht, von den dümmlich-ranschmeißerischen "Juhuuus", "Geils" und "Saubers" Rückschlüsse auf die Parlamentsreife der drei grünen Europaabgeordneten zu ziehen. Albrecht, ein kluger, engagierter Jurist, hat sich in der vergangenen Legislaturperiode um wichtige Themen verdient gemacht, unter anderem um komplexe Datenschutz- und Urheberrechtsdossiers. Und Keller hat als Spitzenkandidaten der Grünen im Europa-Wahlkampf bewiesen, dass sie nicht nur Ambition, sondern auch Talent zu scharfer Auseinandersetzung besitzt.

Es gibt allerdings etwas in dem Video, das jenseits des pseudo-hippen Stils echte Bedenken über die Denkmuster mancher Grüner auslösen muss: das "Framing" nämlich, das sie selbst betreiben. Es zerstäubt jede Hoffnung, aus dieser Partei könnte einmal eine echte liberale Kraft werden. Terry Reintke, eine frisch ins Europaparlament gewählte 27-jährige Gelsenkirchenerin, sagt in dem Video, es mache sie "wütend", mit was für "komischen Leuten" sie in ihren Ausschüssen zusammensitzen müsse. Namentlich über die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch sagt Reintke: "Das wird bestimmt ziemlich nervig mit so ganz vielen homophoben und antifeministischen Ausfällen."

Wer so redet, und sei es mit noch so viel aufgesetztem Kleinmädchencharme, gibt zu erkennen, dass er an tiefer gehenden inhaltlichen Auseinandersetzungen kein Interesse hat, schlimmer noch, dass er sich schon vor jeder Debatte im Besitz letzter Wahrheiten wähnt. Natürlich darf man die AfD-Abgeordnete Beatrix von Storch jederzeit hart dafür kritisieren, dass sie die Homoehe ablehnt und dass sie einem traditionellen, womöglich reaktionären Familienbild anhängt. Der Urteilsspruch "homophob" und "antifeministisch" aber hat ein anderes Ziel: die Verbannung bestimmter Ansichten aus dem Reich der erlaubten Meinungen.

Wer glaubt, er könne durch prima-facie-Abqualifizierungen die Grenzen eines Diskurses festlegen, denkt illiberal. Man stelle sich einmal vor, was (zu Recht) los wäre, wenn der Vertreter einer rechtsgerichteten Partei von der "Wut" reden würde, in einem Parlamentsausschuss neben "komischen Leuten" sitzen zu müssen, die die Homoehe und Promiskuität für normal halten.

Leider ist das selbstgerechte moralische Diskreditieren des politischen Gegners immer noch eine grüne Unart. Sven Giegold, ein nun wirklich ebenfalls verdienter EU-Parlamentarier, pflegt sie dummerweise auch. Er wehrt sich dagegen, dass der AfD-Chef Bernd Lucke ins Präsidium des Währungsausschusses gewählt wird, mit der Begründung: "Lucke und die AfD treten für die Auflösung des Euro-Raumes ein." Ja, du meine Güte! Okay, man kann das für unverantwortlich halten. Aber ist diese Ansicht neuerdings kriminell? Durch irgendein Gesetz verboten?

Liebe Grüne, wenn all diese Leute wirklich so blöd sind, dann muss es doch ganz einfach sein, sie mit Argumenten zu demontieren. Bis dahin möchte ich auf einer Meinungsinsel, deren Grenzen die Grünen festgelegt haben, nicht einmal Sommerurlaub machen.