ZEIT ONLINE: Herr Benz, der Zentralrat der Juden spricht von einer "schockierenden Explosion von Antisemitismus" bei den Protesten gegen den Gaza-Krieg in Deutschland. Teilen Sie diese Ansicht?

Wolfgang Benz: Nein. Kritik an der Politik Israels ist nicht gleich Antisemitismus. Alle wissenschaftlichen Erkenntnisse zeigen: Antisemitismus ist hierzulande seit Jahrzehnten eine ziemlich konstante Größe. Nur etwa fünf Prozent der Bevölkerung hegen so starke Ressentiments, dass man sie als Antisemiten bezeichnen kann.

Ereignisse, wie der aktuelle Gaza-Krieg können dazu führen, dass sich dieser Antisemitismus vorübergehend stärker äußert. Meistens ist das dann auch wieder vorbei. Damit möchte ich nichts kleinreden. Es kann natürlich nicht sein, dass in Deutschland lebende Juden sich bedroht fühlen. Aber man könnte auch einmal betonen, dass es dank der langen Anstrengung von Politik, Medien, Wissenschaft und unserer Mitbürger gelungen ist, das Problem so relativ klein zu halten, wie es seit Langem ist. In keinem Land wird Antisemitismus so kriminalisiert und sanktioniert wie in Deutschland. Jede Karriere ist vernichtet, wenn jemand sich als Antisemit zu erkennen gibt oder wenn er von anderen als Antisemit stigmatisiert wird.

ZEIT ONLINE: Wenn man sich die Berichte der vergangenen Tage so anschaut,  bekommt man einen anderen Eindruck. Da scheinen antisemitische Parolen unwidersprochen gerufen worden zu sein.

Benz: Antisemiten nehmen gerne die Politik der israelischen Regierung zum Anlass, um ihren feindschaftlichen Gefühlen gegenüber Juden so richtig Luft zu machen. Sie erhoffen sich das Verständnis von Leuten, die nicht antisemitisch sind, aber doch mit einiger Skepsis die israelische Politik betrachten. Das ist gefährlich an der aktuellen Entwicklung: Der Antisemitismus, der sich als Kritik an der israelischen Regierung tarnt, wird salonfähiger.

ZEIT ONLINE: "Jude, Jude feiges Schwein, komm heraus und kämpf allein" wurde auf der Demonstration in Berlin am Wochenende geschrien. Das klingt nicht unbedingt getarnt.

Benz: Leider ist auch das keine neue Dimension. In Deutschland gibt es trotz Holocaust und trotz aller Aufklärungsbemühungen kontinuierlich einen Bodensatz an Judenfeindschaft, die sich manchmal Bann bricht. Wichtig ist jetzt, zu klären, wer das gerufen hat. Das waren offenbar junge Muslime oder Menschen mit Migrationsgrund. Das entschuldigt nichts, es ist auch nicht schlimmer oder weniger schlimm. Aber es ist wichtig für die Unterscheidung. Denn offenbar ist dies nicht der den Deutschen angeblich angeborene Antisemitismus, der immer wieder aufflackert. So oder so hätte die Polizei diese antisemitischen Aufrufe bemerken und ahnden müssen. Das ist pure Judenfeindschaft und hat mit Kritik an israelischer Politik nichts mehr zu tun.