Für Samstag plant Jürgen Elsässer einen großen Auftritt. Er will bei der "ersten bundesweiten Demonstration der Montagsmahnwachen" in Berlin sprechen. Der ehemalige Kommunist, umstrittene Aktivist, Publizist und Chefredakteur des Compact-Magazins gilt vielen als Verschwörungstheoretiker. Doch obwohl andere Redner gegen Elsässer waren, soll er jetzt mithelfen, die Montagsmahnwachen wieder in Schwung zu bringen, nachdem sie während der Fußball-Weltmeisterschaft nachgelassen hatten.

Elsässer ist bekannt für sein konservatives Familienbild, für seine Nato-Gegnerschaft und seinen Antiamerikanismus. Weniger bekannt sind seine Verbindungen nach Russland. In russischen Staatsmedien ist Elsässer ein gern gesehener Gast. Dort erklärt er den Russen Deutschland. Umgekehrt bereitet er mit seinem Compact-Magazin in Deutschland eine Plattform für Kremlpropaganda. 

Elsässers Einfluss auf die deutsche Öffentlichkeit mag gering sein. Doch er ist ein besonders krasses Beispiel dafür, wie offizielle und inoffizielle russische Stellen es vermögen, öffentliche Figuren in Deutschland und anderen europäischen Ländern so zu instrumentalisieren, dass sie die Interpretationsmuster des Kreml weiterverbreiten. Es gibt viele, die das in Deutschland tun – angefangen von Unternehmern, deren Firmen in Russland engagiert sind, über Politiker und ehemalige Politiker bis hin zu "Russland-Experten", die in Talkshows Verständnis für Putins Politik äußern. 

Was als Wille zur Völkerverständigung daherkommt, ist oft geschickt platzierte Propaganda. So geschickt, dass den Nachweis zu führen manchmal schwer fällt. Deshalb lohnt es sich, den Fall Elsässer näher zu betrachten, um zu verstehen, wie Russland Einfluss auf die Meinungsbildung im Westen zu gewinnen sucht. Denn wenig verbrämt vertritt Elsässer viele jener Positionen, die Russland in Deutschland und Europa gestärkt sehen möchte. 

Eurasien als Ziel

Er habe eine Vision eines "Europa freier Völker von Lissabon bis Wladiwostok", formulierte es Elsässer in einem Gespräch mit Jurij Kofner, dem Chef der eurasischen Jugendbewegung und Leiter des Zentrums für Eurasisch-Europäische Zusammenarbeit in Moskau am 22. April 2014. Das ähnelt der russischen Staatslinie: Die Formulierung "von Lissabon bis Wladiwostok" hatte Russlands Präsident Wladimir Putin schon im November 2010 benutzt. Gemeint war jedoch weniger ein liberaler Handelspakt zwischen Russland und Europa als ein antiamerikanisches Bündnis von West- und Osteuropäern sowie die westliche Akzeptanz für eine aus Moskau geleitete eurasische Union.

Als Elsässer am Ostermontag 2014 seinen ersten Auftritt vor mehreren Tausend Menschen bei den von Lars Mährholz initiierten sogenannten neuen Montagsdemos in Berlin hatte, sprach er in Bezug auf Kiew von "Nato-Faschisten" – eine Formulierung, die in der russischen Propaganda über die Ereignisse in der Ukraine ebenfalls benutzt wird.

Auch an folgenden Montagen bediente sich Elsässer bis in den Wortlaut der Argumentationsmuster des Kreml, wenn er über die Ukraine sprach. Die Übergangsregierung in Kiew bezeichnete er als "Putschregierung", die mit Hilfe der USA an die Macht gekommen sei. Später sandte er den Separatisten in Donezk und Slowjansk Grüße. Den USA, den deutschen Medien und der Politik unterstellte er, einen "Krieg gegen Russland" führen zu wollen. In der Ukraine werde gar eine "Endlösung der Russenfrage" vorbereitet, behauptete er. 

Zusammenarbeit mit KenFM und Kreml-Apologeten

Während Elsässer auf Zustimmung der Demonstranten hoffte, sahen Beobachter seinen Auftritt als Indiz dafür, dass die neuen Montagsdemonstrationen von Verschwörungstheoretikern beeinflusst seien. Elsässer hatte in seinem Blog im März für solche Demonstrationen geworben. "Den Jugendlichen aus Russland, der Ukraine und Deutschland gehört die Zukunft", schrieb er dort. "Wer soll den Krieg verhindern, wenn nicht ihr? Compact-Magazin und dieser Blog wird jede Eurer Aktionen begleiten und dazu mobilisieren!"  

Bereits zur zweiten sogenannten Mahnwache trat ein prominenter Redner aus Elsässers unmittelbarem Umfeld auf: Ken Jebsen, der rhetorisch versierte Betreiber des Onlinemediums KenFM. Er wurde zum Hauptredner der Berliner Veranstaltungen. Jebsen ist seit 2012 ein wichtiger Medienpartner Elsässers und trat für ihn als Moderator, Redner und Interviewer auf. Jebsen unterstützte Elsässer auch bei einer der Compact-Souveränitätskonferenzen, die Elsässer 2012 und 2013 mit dem kremlnahen russischen Institut für Demokratie und Zusammenarbeit mit Sitz in Paris organisierte. Auf den Souveränitätskonferenzen sprachen unter anderem Kreml-Apologeten wie die ultrakonservative russische Dumaabgeordnete Jelena Misulina, die radikal nationalistische Historikerin Natalja Narotchnizkaja und der britische, proputinsche Publizist John Laughland. 

Deutschlanderklärer in russischen Medien

Während diese Aktivitäten Elsässers in Deutschland wenig bekannt sind, erfreuen sie sich in den russischen Staatsmedien großer Aufmerksamkeit. So berichtete 2013 der Fernsehjournalist Dmitri Kisseljow im Staatskanal Rossija 1 positiv über eine der Compact-Konferenzen. Compact arbeitet auch mit dem russischen Auslandspropaganda-TV-Sender RT, früher Russia Today, zusammen. Elsässer war wiederholt Interviewgast bei diesem einflussreichen Kanal und beim russischen Auslandssender Stimme Russlands, dessen Mitarbeiter wiederum zu Elsässers Compact-Veranstaltungen eingeladen waren.

Auch über die Montagsmahnwachen berichteten die Stimme Russlands und die staatliche russische Video-Nachrichtenagentur Ruptly 2014 früh und sehr wohlwollend. In einer Nachrichtensendung auf Rossija 1 präsentierte Kisseljow, mittlerweile zum Chef der Mammutmedienholding Russland heute aufgestiegen, die Demonstrationen im April 2014 als Beleg dafür, dass es in Deutschland relevante prorussische Proteste gebe, die sich gegen die Regierungspolitik und die sogenannten Mainstream-Medien Deutschlands richteten.  

Achse Paris-Berlin-Moskau

Gute Beziehungen zu offiziellen russischen Stellen pflegt Elsässer nicht erst seit der Ukraine-Krise, die eine erhebliche Verstärkung staatlicher russischer Propaganda mit sich gebracht hat. Schon Anfang 2009, als Elsässer mit anderen eine "Volksinitiative gegen das Finanzkapital" gründete, war sein erklärtes Ziel, gegen das transatlantische Bündnis einzutreten und stattdessen für ein eurasisches Bündnis zu werben.

Basis dafür sollte eine "Achse Paris-Berlin-Moskau" sein, die sich Elsässer bereits 2003 angesichts der Außenpolitik Gerhard Schröders erhofft hatte. Heute fordert eine solche Achse zum Beispiel Aymeric Chauprade von der französischen Front National. 

Das Russische Haus in Berlin

Elsässer begann vor mehr als fünf Jahren seine Buchreihe Compact und organisierte mit der Volksinitiative Konferenzen, die sich gegen die EU- und Euro-Integration Deutschlands richteten. Als Veranstaltungsort diente Elsässer oft das Russische Haus in Berlin, ein Kulturinstitut des russischen Außenministeriums. 2010 fand dort eine von der Volksinitiative organisierte Anti-Euro-Konferenz statt, auf der unter anderem der EU-kritische Putin-Bewunderer Nigel Farage von der britischen United Kingdom Independence Party (Ukip) auftrat. Der TV-Sender RT berichtete live.

Ebenfalls im Russischen Haus stellte Elsässer im Juni 2014 sein Compact-Buch mit Putins Reden an die Deutschen vor. Eine Veranstaltung, die dem russischen Botschaftsvertreter Sergej Beljajew wichtig genug war, um dort zu verkünden, es werde bald ein deutschsprachiges Programm des Propagandasenders RT geben

Antiamerikanische Verschwörungstheorien

Zum Kern des politischen Aktivismus von Elsässer gehört die Verbreitung antiamerikanischer Verschwörungstheorien. So war er 2008 im Russischen Haus Teilnehmer einer Podiumsdiskussion zum Thema 11. September - Inszenierter Terrorismus  – ein Dauerbrenner der Russia-Today-Berichterstattung über die USA. 2011 rief er die Onlinecommunity der sogenannten Truther (Wahrheitler), Web-Guerilleros und "Infokrieger" zur Kooperation gegen die "Weltdiktatur des Finanzkapitals" auf und schlug sein Compact-Magazin als einigendes Leitmedium der Szene vor. Verschwörungstheorien lobte er als integrierend und strategisch nützlich für die politische Mobilisierung. 

"Eine ganze Generation hat sich politisiert an der offenkundigen Verlogenheit der offiziellen Theorie und hat eine erdrückende Beweislast dafür gesammelt, dass 9/11 ein Inside-Job war […] Doch mittlerweile können wir sehen, wie sich diese Bewegung wieder in ihre Einzelbestandteile zerlegt. […] Vereinigen statt spalten! Dabei geht es […] um ein strategisches Konzept." Aus der Szene dieser Online-"Infokrieger" stammen zahlreiche Protagonisten und Unterstützer der Montagsmahnwachen. Sie stehen mit Elsässer zum Teil seit Jahren in Verbindung und sind in sogenannten alternativen Onlinemedien aktiv. Während des Russland-Ukraine-Konflikts positionierten sich etliche Vertreter dieser Alternativmedien mehr oder minder eindeutig prorussisch. 

Elsässer und die AfD

 Elsässers prorussische Positionen und seine eurasischen Ziele erklären auch, warum er Teile der Alternative für Deutschland (AfD) publizistisch unterstützt. Beim letzten Bundesparteitag lagen die Schriften aus dem Compact-Verlag aus. Elsässer sucht offenbar die Nähe zu der neuen Partei. Vor der Bundestagswahl 2013 hatte Elsässer eine klare Wahlempfehlung für die AfD ausgesprochen, die mit seinem Compact-Verlag den Slogan "Mut zur Wahrheit" teilt. Der Pankower Kreisverband bezeichnete Elsässer mit Verweis auf seine "Volksinitiative" sogar als einen "Miterfinder" der AfD.  

Tatsächlich hatte die "Volksinitiative" mit Compact im Februar 2012 die "Adlershofer Erklärung" initiiert, in der der Aufbau einer "Wahlalternative" gegen den Euro angekündigt wurde. Als sich im Herbst 2012 die "Wahlalternative 2013" bildete, aus der die AfD hervorging, interviewte Compact deren Mitgründer Konrad Adam. Heute gilt Elsässers öffentliches Lob vor allem dem Putin-freundlichen AfD-Flügel um Alexander Gauland und dessen verständnisvollem Blick auf die Krim-Annexion. Auf EU-Ebene sähe Elsässer die AfD gern in Kooperation mit der Ukip von Farage.

Gespräch mit dem russischen Neofaschisten Dugin

Elsässer pflegt in seinem prorussischen Netzwerk nicht nur Kontakte zu offiziellen russischen Institutionen wie dem Russischen Haus und RT. Im Herbst 2013 interviewte er für sein Magazin auch den Anführer der Internationalen Eurasischen Bewegung in der GUS, Alexander Dugin. Elsässers Interesse an Dugin verwundert nicht, denn der Moskauer Konspirologe gilt als Cheftheoretiker des Neoeurasismus – einer radikal liberalismusfeindlichen Ideologie, die Grundpositionen wie den Antiamerikanismus mit den Montagsmahnwachen und Medien wie dem Compact-Magazin teilt. 

Dugin ist zwar kein direkter Ideengeber oder Berater Putins, wie manchmal behauptet wird. Doch er hat derzeit offenbar zunehmende Wirkung auf den imperialistischer und antiwestlicher werdenden politischen Zeitgeist Russlands. Der Rechtsextremist leitete trotz fragwürdiger akademischer Weihen bis vor Kurzem den Lehrstuhl für Soziologie der Internationalen Beziehungen an der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität, ist offizieller Berater des russischen Parlamentssprechers Sergej Naryschkin und in letzter Zeit häufig in staatsnahen russischen Medien präsent. In westlichen Medien bekam er zuletzt viel Aufmerksamkeit wegen seiner Hetze gegen die Ukraine und den Westen.  

In den neunziger Jahren war Dugin berüchtigt für seine affirmativen Stellungnahmen zur Waffen-SS, für ambivalente Äußerungen zum deutschen Nationalbolschewismus, zum "Dritten Reich" und zum Faschismus allgemein. Einmal lobte Dugin den anfänglichen Organisator des Holocausts und Himmler-Stellvertreter Reinhard Heydrich als "überzeugten Eurasier".

Subversion, Desinformation, Destabilisierung

Heute tritt Dugin vor allem als politischer Kommentator und außenpolitischer Ideengeber auf. Ein halbes Jahr vor seinem Interview mit Elsässers Compact schlug Dugin vor laufender Kamera vor, Europa zu erobern und als russisches Protektorat anzugliedern. Mit Mitteln der soft power solle Russland sich als traditionalistischer Schützer "wahrer" europäischer Identität anbieten, als Retter vor der Zerstörungskraft des Liberalismus. Und darauf hinarbeiten, Europa über geeignete westliche Partner parlamentarisch zu unterwandern. Zur Umgestaltung Europas hatte Dugin bereits 1997 in seinem Buch Grundlagen der Geopolitik  nicht nur das Militär, sondern auch Strategien der "Subversion, Desinformation und Destabilisierung" vorgeschlagen.

Dugins jahrelange Netzwerkarbeit nicht nur im russischen nationalistischen Spektrum, sondern auch in der europäischen Neuen Rechten reicht inzwischen über den radikalen Rand des paneuropäischen Antiamerikanismus hinaus. So war Dugin am 31. Mai 2014 Stargast eines Geheimtreffens in Wien, an dem unter anderem FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache und die Front-National-Politikerin Marion Maréchal-Le Pen, die Enkelin Jean-Marie Le Pens, teilnahmen

Auf Elsässers Frage, inwieweit Dugins weitergehende Pläne für Europa realisierbar sind, antwortete der in dem Interview 2013: "Die eurasische Idee ist [...] ein realistisches und idealistisches Konzept. Es ist nicht nur irgendeine romantische Idee, es ist ein technisches, geopolitisches und strategisches Konzept, welches von all jenen Russen unterstützt wird, die verantwortungsbewusst denken."

Einige Tage vor dem Pseudoreferendum zur Krim-Annexion veröffentlichte Dugin im März 2014 ein apokalyptisches Szenario eines sogenannten Russischen Frühlings. Darin sagt er einige Entwicklungen in der Ukraine voraus, die in den folgenden Wochen zum Teil tatsächlich eintraten. Auf einen zu erwartenden Bürgerkrieg werde ein russischer Einmarsch in die Ostukraine folgen, welche durch Russland "befreit" werden würde, heißt es darin. Doch Dugin schildert darüber hinaus das Ziel seiner Vision: "Russland hört hier nicht auf, sondern trägt Aktivitäten nach Europa, die das Hauptelement der Europäischen Konservativen Revolution darstellen werden. Europa beginnt zu zerfallen: einige Länder stehen hinter den USA, aber mehr und mehr werden auf Russland hören. […] Ein neuer großer Kontinentalbund formiert sich als Konföderation von Europa und Eurasien […] Von Lissabon bis Wladiwostok." 

Hier ist sie wieder, die Idee vom Eurasien "von Lissabon bis Wladiwostok", die auch Elsässer formuliert. Betrachtet man dessen kremlnahes Netzwerk, wird offensichtlich, in welche Richtung er Europa gern manövrieren würde.

 Thomas Korn ist freier Publizist in Erfurt. Andreas Umland ist Herausgeber der Buchreihe "Soviet and Post-Soviet Politics and Society" des ibidem-Verlags Stuttgart.