Als Angela Merkel kurz vor ihrem Urlaub von Journalisten auf die zivilen Opfer des Gazakrieges angesprochen wurde, äußerte sie sich für ihre Verhältnisse deutlich: "Israel hat ein Recht auf Selbstverteidigung." Es gebe, so die Kanzlerin, "eine völlig neue Qualität der Bewaffnung der Hamas". Auch CSU-Chef Horst Seehofer betonte am Sonntag, er habe "volles Verständnis" für den Versuch des Staates, die Infrastruktur der Hamas im Gazastreifen zu zerstören.

Für die Bundesregierung ist die Sicherheit des Staates Israel Staatsraison. Davon wird sie aus historischen Gründen niemals abrücken. Schließlich entstand der Staat Israel (und damit auch der Territorialkonflikt im Nahen Osten) auch als Konsequenz aus der Verfolgung der Juden im Dritten Reich. Jeder Staat darf sich selbst verteidigen, Israel mit Blick auf die Vergangenheit noch einmal mehr.

Die Vertreter der großen Koalition fordern allerdings auch, dass der israelische Militäreinsatz "angemessen" verlaufen solle, diese Formulierung benutzten die Regierungssprecher in den vergangenen Tagen mehrfach. Natürlich hören auch die Spitzenpolitiker von Union und SPD die Berichte über viele Opfer auf palästinensischer Seite. Mit detaillierter Kritik am Vorgehen der israelischen Soldaten halten sich die Spitzenpolitiker jedoch bewusst zurück. Am deutlichsten wurde bislang noch Außenminister Frank-Walter Steinmeier: "Israel hat jedes Recht, seine Bevölkerung gegen Angriffe zu verteidigen. Gleichzeitig muss alles dafür getan werden, weitere Opfer unter Zivilisten zu vermeiden. Viel zu viele Unschuldige sind bereits ums Leben gekommen."

Durchgestrichener Davidstern

Die Regierung versucht derzeit vor allem diplomatische Wege aufzuzeigen: Steinmeier verhandelt in der Region über einen Waffenstillstand, die Bundesregierung propagiert auf lange Sicht eine Zwei-Staaten-Lösung. Selbst die Grünen als Oppositionspartei haben da nichts einzuwenden: Chefin Simone Peter lobte am Wochenende die Regierung für ihr "sehr moderates" Vorgehen in diesem komplexen Konflikt. 

Nicht alle Bürger finden dieses Verhalten richtig. Die Brutalität des Konfliktes, die Entführung und Ermordung israelischer Jugendlicher und eines Palästinensers und der aktuelle Militäreinsatz im Gazastreifen, das Leid der Zivilbevölkerung führen in diesen Tagen zu einigen Diskussionen – in Familien, im Freundeskreis, in den Medien-Redaktionen. Mehrfach haben in verschiedenen deutschen Städten Angehörige der palästinensischen Gemeinde gegen den Militäreinsatz demonstriert. 

Im Nahen Osten tobt ein Krieg, doch der Konflikt hat längst auch Deutschland erreicht. Je mehr Opfer aus dem Gazastreifen berichtet werden, umso erbitterter wirken auch die Kundgebungen für die Sache der Palästinenser. Mehrere Fälle vom Wochenende zeigen ein besorgniserregendes Ausmaß antisemitischer Parolen und Übergriffe bei Kundgebungen "für Frieden" und die Sache der Palästinenser. Khouloud Daibes, die Botschafterin der palästinensischen Autonomiegebiete in Berlin, spricht von "einzelnen Personen, die sich antisemitisch äußern und die Demonstrationen so für ihre Zwecke missbrauchen." Doch: "Die meisten wollen einfach friedlich ihre Meinung kundtun", sagt Daibes. 

Wirklich? Die "einzelnen" Übergriffe jedenfalls lesen sich besorgniserregend. So wurden am Sonntag in Hannover auf einer "Free Palestine"-Demonstration Schilder mit durchgestrichenem Davidstern hochgehalten und antisemitische Parolen gegrölt.  Als die deutsch-israelische Gesellschaft Hannover spontan eine Gegenkundgebung anmeldete, an der auch der Grünen-Politiker Sven-Christian Kindler teilnahm, wurde die Gruppe angegriffen. "Ein junger Mann ist mit Anlauf und einem Sprungtritt auf uns gestürmt. Ein Teilnehmer von uns hat einen heftigen Tritt in den Rücken bekommen und wurde dabei verletzt", berichtet Kindler auf seiner Homepage. Von dem Vorfall gibt es ein Video im Internet. Die Israel-Demonstranten traten den Rückzug an. "Die Polizei war vom Ausmaß der aggressiven Stimmung überfordert", sagt Kindler im Rückblick. Er habe sich nicht sicher gefühlt.

In Berlin bedrohten Pro-Palästina-Aktivisten nach einem Bericht der Jüdischen Allgemeinen am Samstag ein israelisches Ehepaar. Der Kippa-tragende Mann und seine Frau kreuzten eine Demonstration der Aktivisten, daraufhin brüllte die Menge "Nazimörder Israel!", "Scheiß Juden, wir kriegen Euch!" und "Wir bringen euch um!" Bei den Slogans blieb es nicht: Einige Teilnehmer versuchten, die Israelis anzugreifen, Polizeibeamte mussten das Paar abschirmen. Die beiden waren nach eigener Aussage nach Berlin gereist, um dem Gazakonflikt für ein paar Tage zu entfliehen.