Menschen halten eine gigantische palästinensische Fahne in Berlin in die Höhe. © Thomas Peter/Reuters

Hinter dem ägyptischen Café Horus kippt die Sonne in den Neuköllner Beton, die Hasenheide spuckt ständig Menschentrauben aus, die in die angrenzenden Restaurants strömen. Es sind die Tage nach Ramadan, Muslime in der ganzen Welt feiern das Ende des Fastens. Im Horus balancieren die Kellner Fleischplatten durch die Stuhlreihen, ein Gast pafft unter einem "Rauchen-Verboten"-Schild Kette. Fuad Abusultan dagegen lehnt sich in seinem Stuhl zurück und verschränkt die Arme. Freunde haben ihm Glückwünsche zu den Feiertagen gesimst, doch der Palästinenser kann sich nicht freuen. "Es gibt nichts zu feiern. In Gaza sterben unsere Familien. Wir sind traurig", sagt der 40-Jährige.

Abusultan ist in Gaza geboren, kam 1992 nach Deutschland und studierte in Berlin BWL. Seine Eltern, Brüder und Schwestern, insgesamt 24 Personen, wohnen immer noch in Gaza-City. Wohnten, muss man sagen. Denn als die Bomben fielen, flohen sie aus ihrem Haus, nun campieren sie in einer Uno-Schule. Und warten. Auf Wasser, auf Handyempfang und den nächsten Einschlag.  

Am dritten Tag des Krieges sprach Abusultan zuletzt mit seinen Eltern. Das ist Wochen her. Danach: kein Anruf, keine Nachricht. Diese Unsicherheit macht mürbe. Die Menschen in Gaza haben Handys, aber keinen Strom zum Aufladen. Abusultan schaut in diesen Tagen viel arabische Nachrichten. Al Jazeera lässt am unteren Bildrand immer etwas Platz frei. Der Sender tickert dort die Namen der Toten, rund um die Uhr. Abusultan fürchtet sich vor dem Moment, wenn zum ersten Mal ein vertrauter Name aufblinkt.      

Die Palästinenser in Berlin fühlen sich falsch dargestellt

Ihm gegenüber, im Café in Berlin-Neukölln, zieht Nader Khalil an einer Wasserpfeife und sagt: "Ich schalte immer öfter um, ich ertrage die Bilder der toten Kinder, Frauen und Zivilisten nicht mehr." Der 45-jährige Palästinenser aus dem Libanon lebt seit 1980 in Berlin. "Gaza ist ein Gefängnis für fast zwei Millionen Menschen. Was ist mit deren Menschenrechten? Warum schaut die ganze Welt weg?", fragt Khalil. "Die - israelische - Besatzung - muss - beendet - werden!" Seine Handknöchel klopfen jedes Wort in die Armlehne des Korbstuhls. 

Ungefähr 45.000 Palästinenser leben in Berlin, viele davon besitzen mittlerweile einen deutschen Pass. In der palästinensischen Gemeinde gebe es viele erfolgreiche Geschäftsleute, sagt Khalil. Aber das interessiere meist keinen. Man berichte nur über Palästinenser, wenn im Gazastreifen wieder Krieg herrscht. Oder wenn einzelne Demonstranten auf einer Pro-Palästina-Kundgebung antisemitische Parolen skandieren. Die Palästinenser in Berlin fühlen sich falsch dargestellt. Im Café Horus sind sie deshalb vorsichtig im Gespräch mit Journalisten.

Zum verabredeten Gespräch hat Abusultan eine Liste mit zehn Punkten mitgebracht. "Die israelische Besatzung ist die Ursache" – die Überschrift ist fett unterstrichen. Die Liste endet mit: Deutsche Medien stehen hinter der israelischen Besatzung. "Erst vergangene Woche ist eine deutsch-palästinensische Familie, sieben Leute, in Gaza ermordet worden", sagt Abusultan. "Und die deutschen Medien greifen es kaum auf." Wenn man entgegnet, dass die Medien sehr wohl darüber berichtet hätten, guckt Abusultan skeptisch. Er wolle das nachprüfen. 

"Ich muss einfach demonstrieren"

Die beiden Palästinenser vertrauen Twitter mehr als der Tagesschau. Sie sehen die Bilder aus dem Gazastreifen bei arabischen TV-Sendern, durchforsten die sozialen Netzwerke nach neuen Opferzahlen und tauschen mit Landsleuten Videoclips der Palästina-Demonstrationen über Whatsapp. "Gucken Sie sich diesen Auftritt an!" Abusultan wedelt mit seinem Smartphone. Der kurze Videoschnipsel zeigt einen Redner bei einer der Montagsdemos in Berlin. Der wettert gegen die israelische Besatzung und fordert ein freies Palästina. "Das Video läuft bei Facebook rauf und runter", sagt Abusultan.

Der 40-Jährige ist kein Eiferer, er ist ein höflicher Mensch. Wenn andere am Tisch noch essen, steht er auf, um abseits zu rauchen. Der Palästinenser ist längst in Deutschland angekommen, er verkauft Autos, ist mit einer Deutschen verheiratet. Doch er kann sein Leben nicht genießen. Seine Familie leidet, 3.000 Kilometer entfernt, er geht um vor Sorge in Berlin. Sein Ventil: die Demonstrationen. "Ich muss einfach dahin gehen. Es geht um meine Familie. Das ist alles, was ich von hier aus machen kann", sagt Abusultan. 

"Wir demonstrieren gegen die israelische Besatzung, nicht gegen Juden"

Vergangene Woche lief er bei einer Palästina-Kundgebung am Potsdamer Platz mit. "Gemischt" sei das Publikum gewesen – Deutsche und Araber, Familien und Jugendliche. Hat er Parolen wie "Jude, Jude, feiges Schwein" gehört, Plakate mit durchgestrichenem Davidstern gesehen? Nein, sagt Abusultan. "Wir demonstrieren gegen die israelische Besatzung, gegen das Töten. Nicht gegen die Juden. Der Konflikt ist nicht ethisch oder religiös, sondern politisch." Khalil stimmt zu: "Wir sind strikt gegen solche Parolen, wir distanzieren uns davon."

Khalil ist ein Musterbeispiel an Integration. Er ist CDU-Mitglied und dort als Palästinenser immer noch ein Exot. Er kandidierte 2009 für den Bundestag, lange saß er in der Bezirksversammlung Neukölln. Heute betreut Khalil straffällige Jugendliche mit arabischem Hintergrund. Er sagt: "Die wenigen Jugendlichen, die solche Parolen skandieren, sind sehr emotional und aufgeregt. Das hat viel mit Gruppendynamik und fehlender Bildung zu tun." Man müsse diese Jugendlichen besser aufklären. Aber, findet Khalil: "Es gibt keinen organisierten Antisemitismus in der arabischen Community in Deutschland."

"Frau Merkel sagt immer: Wir stehen hinter Israel." Fuat Abusultan ist sich sicher, dass die Straße, die deutsche Öffentlichkeit anders denkt. "Wie viele Israelis sind gestorben, wie viele Palästinenser?", fragt er. Und gibt gleich die Antwort: "Auf israelischer Seite vielleicht 50 Soldaten, bei uns über 1.100 Zivilisten." Es sind harte, für ihn nicht verhandelbare Zahlen. Sie sagen: Die andere Seite ist schuld.

Die Glut der Wasserpfeifen ist erloschen, was bleibt von diesem Abend in Neukölln? Das Bild von Palästinensern, die sich in den Medien oft ungerecht dargestellt fühlt. Die nicht verstehen, warum die Welt – so sehen sie es – im Gaza-Konflikt wegschaut. Und die sich endlich eine Lösung des Konflikts wünschen. "Wir wollen einfach nur in Frieden in unserem Land leben, wie die Deutschen auch", sagt Fuad Abusultan.

Vor vier Wochen, bevor die Bomben fielen, besuchte ein israelischer Kunde Abusultan in seinem Autogeschäft. Der Israeli trug seine Kippa, im Geschäft hängt ein großes Bild der al-Aqsa-Moschee, die auf dem Tempelberg in der Altstadt von Jerusalem thront. Es war klar: Der Kunde ist Jude, Abusultan Palästinenser. Sie schlürften gemeinsam Kaffee und feilschten um den Preis des Wagens. Dann schüttelten sie sich die Hände. Das war's.