NPD-Flagge an der Bundeszentrale der Partei in Berlin © Johannes Eisele/AFP/Getty Images

Wenn die NPD Wahlkampf macht, ist Guerilla-Taktik gefragt: Eine Gruppe von Mittdreißigern in Kapuzenshirts eilt in ein Schulgebäude, in Klassenzimmern und Turnhallen verteilen die Aktionisten farbige Flyer, ein als Hirsch in Plüsch gekleideter Helfer winkt als Maskottchen. Es geht um Crystal Meth und anderen "Drogen-Dreck". 

Zu sehen ist diese Szene in einem Werbefilm der NPD Sachsen, Personen und Örtlichkeit sind nicht identifizierbar, die Videobilder sind verpixelt, sobald Schüler zu sehen sind. Weil ihr in der Öffentlichkeit stets Gegendemonstranten im Weg stehen, riskieren die PR-Strategen der rechtsextremen Partei lieber einen Hausfriedensbruch.

Die verzweifelte Entschlossenheit zeigt: Die NPD steht wenige Wochen vor den Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen stark unter Druck. In Umfragen liegt sie unter der Fünfprozenthürde, in Sachsen droht ihr der Rausschmiss aus dem Landtag. Damit ginge der Partei erneut viel Geld verloren.

Ihren Wahlkampf finanziert die bereits jetzt bettelarme Partei durch Privatdarlehen von Abgeordneten und parteinahen Unternehmern. Eine weitere Schwierigkeit liegt darin, dass sie kaum noch Versammlungsräume findet. Zudem häufen sich juristische Niederlagen, in Karlsruhe läuft das Verbotsverfahren. Und der frühere Bundeschef Holger Apfel kellnert auf Mallorca, statt die Parteiarbeit zu strukturieren.

Und da ist die Partei AfD. Programmatische Überschneidungen gebe es zwar kaum – die NPD sei ja für Europa, nur eben gegen die übermächtige Brüsseler Behörde,  sagt NPD-Parteivize Frank Schwerdt. Dennoch fürchtet er, dass viele NPD-Wähler zur AfD abwandern könnten. Denn auch die macht schließlich Stimmung für nationalstaatliche Strukturen und gegen den Euro. "Für eine kleine Partei ist jedes Prozent weniger sehr schmerzlich", räumt auch Sachsens Spitzenkandidat Holger Szymanski ein.

Intellektuell statt prollig

Euroskeptiker, denen die NPD zu schmuddelig und zu prollig ist, könnten den leiseren Professoren von der AfD den Vorzug geben, fürchtet man in den NPD-Führungsgremien. "Vor allem Wähler mit bürgerlichem Sozialprofil könnten zur AfD wechseln", sagt auch der Düsseldorfer Politikwissenschaftler Fabian Virchow. Sie könnten sich von den Intellektuellen, Richtern, Lehrern und Unternehmern unter den AfD-Funktionären eher angesprochen fühlen als von den schlichten Parolen der NPD. Die AfD betont zwar, nicht rechtspopulistisch zu sein. Doch als Scherzbolde der Piratenpartei in einem Quiz Zitate beider Parteien einander gegenüberstellten, zeigte sich eine hohe Verwechslungsgefahr.

Andererseits könnte die AfD der NPD auch nützen, indem sie ihre Ziele salonfähig macht. Die Wähler könnten sich dann vielleicht doch an das Original halten, statt die Bürgerlichen zu wählen.

Geradezu aggressiv sucht die NPD daher nach Möglichkeiten, die Öffentlichkeit zu erreichen. Für den Wahlkampfauftakt vor dem Thüringer Landtag kündigte Spitzenkandidat Patrick Wieschke einen "vorzeitigen Parlamentseinzug" an. Nach einer Rede vor dem Landtagsgebäude wollte er mit Parteifreunden auf den Besucherplätzen des Plenarsaales einer Parlamentssitzung beiwohnen.

Doch Neonazi-Gegner versperrten den Weg zu den Besucherplätzen des Parlaments mit Mülltonnen, ein Auftritt inmitten der letzten Landtagssitzung blieb Wieschke somit verwehrt. Öffentliche Aufmerksamkeit hatte die NPD gleichwohl erzielt.

Zwar erstarkte die NPD bei den Kommunalwahlen in Thüringen im Frühjahr deutlich, Wieschke selbst sitzt schon seit 2009 im Stadtrat von Eisenach. Mit Ex-Bundeschef Udo Voigt schaffte es zudem erstmals ein NPD-Abgeordneter in das Europaparlament. Für den Politologen Virchow ist letzteres allerdings eher ein symbolischer Erfolg. Für einen Erfolg bei den Landtagswahlen sei die kommunale Verankerung der NPD wichtiger, sagt er.  

Die NPD weiß das auch und profiliert sich deswegen weiter als Kümmerer-Partei, die Bürgermeister und Landräte mit Anfragen zu Problemen der Bürger überhäuft. Im Straßenwahlkampf setzt man auf Bewährtes: Infostände und dezentrale Aktionen vom Pritschenwagen aus. Der Sachse Szymanski will verstärkt um Erstwähler werben und sich um Dresden, Leipzig und Chemnitz bemühen – auf dem Land ist die sächsische NPD ohnehin seit Langem stark, etwa in der Sächsischen Schweiz. Der Thüringer Schwerdt will "vor allem im ländlichen Raum Stimmen einsammeln", hat aber auch die Landeshauptstadt Erfurt als wichtiges Wahlkampfgebiet ausgemacht.

Holger Apfel fehlt der Partei

Zuwanderung, Drogen- und Grenzkriminalität sind die Hauptthemen. Mehr als eine Million Zeitungen lässt die NPD nach Auskunft ihrer Spitzenleute drucken – jene Verteilblätter, die auf den ersten Blick oft gar nicht als rechte Wahlwerbung zu erkennen sind und die im Osten der Republik gut ankommen, wo immer weniger Menschen gedruckte Zeitungen abonnieren. Hinzukommen Zehntausende Plakate ("Heimat im Herzen") und die Wackel-Videos der Jungnationalen. Als Novum umwirbt die Partei in Sachsen die sorbische Minderheit in der Lausitz in deren eigener Sprache. Der Slogan: "Heimat schützen".

Während der Thüringer Wieschke bundesweit vor allem durch seine Vorstrafen bekannt wurde, weiß mit Szymanskis Namen außerhalb der Partei kaum jemand etwas anzufangen. Er rückte im sächsischen Parlament für Holger Apfel nach, der vergangenen Herbst überraschend alle Ämter niederlegte, weil er sich mit seiner Linie in der Partei nicht durchsetzen konnte. Doch der einstige Cheforganisator fehlt der NPD nun. Apfel habe die Partei mehrfach erfolgreich durch Wahlkämpfe geführt, sagt Szymanski. "Das Know-how ist zum Teil verlorengegangen." Er selbst könne das nur zum Teil kompensieren. 

Werben um Polizisten

Intensiv suchen die Spitzenleute daher nach "heimattreuen Wahlkampfhelfern", auf Facebook werben sie um Zettelverteiler – keine einfache Aufgabe: "Es nützt nichts, wenn Ihr hier schreibt ‘Ich nehme welche’," antwortete ein Mitarbeiter Szymanskis einem Interessenten in genervtem Ton. "Ihr müsst uns schon eine Nachricht schreiben und Adresse / Stückzahl angeben. Danke!" Wie es allgemein um die Mobilisierung steht, zeigt der Twitteraccount der NPD Sachsen. Nach einer Woche hatte sie einen Follower – einen Textilmaschinenbauer aus Chemnitz, nach zwei Wochen sechs. Nicht mal die eigenen Leute interessieren sich für die Kurzmitteilungen der Partei.

In Thüringen verunsicherte die Partei die Polizei mit der Ankündigung, dass sich im Wahlwerbespot Polizisten zur NPD bekennen würden. Der Landesverband umwirbt die Sicherheitsbeamten als Wählergruppe: Als "Prügelknaben der Nation" stünden sie in der Dauerkritik von Linken und Medien. Statt sich einschüchtern zu lassen, sollten Polizisten NPD wählen. Der Spot kam Anfang Juli nur unter Schwierigkeiten zustande. Kurz vor Drehbeginn suchte Wieschke per Aufruf nach Mitwirkenden. Es seien "leider ein paar Darsteller abgesprungen".