Als Sigmar Gabriel entschied, in der Großen Koalition das Amt des Wirtschafts- und Energieministers zu übernehmen, wirkte dies auf den ersten Blick ein wenig wunderlich. Der SPD-Chef war auf diesem Gebiet nicht gerade für seine übermäßige Expertise bekannt. Außerdem halste er sich so eine undankbare EEG-Reform auf, an der schon andere Politiktalente gescheitert waren.

Auf den zweiten Blick aber war es ein logischer Schritt. Gabriel will Kanzler werden. Der SPD-Chef hält sich also an das, was in jedem Karriere-Ratgeber stehen dürfte: Er verbreitert sein Portfolio, geht bislang unbetrampelte Pfade und hofft, dass er so auch Skeptiker überzeugen kann.

Die SPD dürfe sich, sagte Gabriel nun in einem Interview, "nicht damit zufriedengeben, für die soziale Seite der Gesellschaft zuständig zu sein". Auch das ist auf den ersten Blick ein ziemlich bemerkenswerter Satz. Er wird alle Linken in Partei und Wählerschaft erzürnen, die ihrer SPD die Agenda 2010 noch übel nehmen. Endlich geben sie es zu! Ihnen reichen die sozial Schwachen und schwer Arbeitenden nicht mehr!

Stimmt, doch auch dies ist auf den zweiten Blick folgerichtig. In diesem Sommer startet die SPD-Spitze die Strategie "Verbreiterung des Wählerklientels". Die Partei hat es bitter nötig. Sie steht trotz ihrer (bisher sehr linken) Regierungserfolge in Umfragen bei 25 Prozent. Wenn Gabriel 2017 wirklich Kanzler werden soll, muss also noch einiges passieren.

Und so kommt es, dass Fraktionschef Thomas Oppermann und Niedersachsens SPD-Ministerpräsident Stefan Weil dieser Tage einmütig betonen, dass sie die Wirtschaftskompetenz der eigenen Partei steigern wollen. Generalsekretärin Yasmin Fahimi sprach unlängst in einem Vortrag davon, dass die SPD "Leadership gewinnen" müsse – prominente Unterstützer in der Wirtschaft. 

Arbeitgeber sollen künftig SPD wählen, ohne Angst zu haben, dass ein Kanzler Gabriel den Erfolg der deutschen Wirtschaft für immer zerstört. Die Sozialdemokraten haben zu Recht erkannt, dass sie als Alternative zur Wirtschaftspartei CDU ernst genommen werden müssen. Bisher vertraut der Wähler hier dem Koalitionspartner. Was ein wenig ironisch ist: Verkauft doch Angela Merkel ausgerechnet die Sozialreformen ihres SPD-Vorgängers als Erfolgsrezept für Europa und wurde dafür fulminant im Amt bestätigt.   

Ein riesiges Wagnis

Selbst für einen Flirt mit der FDP sind sich die Sozialdemokraten in ihrem strategischen Feldzug nicht zu schade – zum Beispiel in Hamburg, wo im kommenden Jahr gewählt wird. Gabriel nennt nun "Freiheit für unternehmerisches Handeln" als ein Politikziel der SPD. Das alles klingt wunderlich, ist aber logisch durchdacht: Brauchen die Sozialdemokraten doch auch neue Machtoptionen, weil die Grünen schwach und die Linken immer noch nicht salonfähig sind.    

Dennoch ist das alles ein riesiges Wagnis. Die Sozialdemokraten haben nämlich ihre konkreten "Leadership"-Themen noch nicht gefunden. Der Vorstoß kam, bevor er zu Ende gedacht wurde. Wie kann die SPD glaubhaft sozialdemokratische Wirtschafts- und Standortpolitik machen – und sich dennoch von der Union absetzen? Wie geht das, ohne das mühsam wiederhergestellte Vertrauen in die Stammklientel zu verspielen? Bisher gibt es dazu keine Antworten.

Der Abbau der kalten Progression im Steuerrecht, wie immer mal gefordert, ist auch in der Union populär, aber es herrscht Konsens, dass sie derzeit nicht finanzierbar ist. Die Ausnahmen für energieintensive Unternehmen bei der EEG-Reform wurden Gabriel eher aufgezwungen. Eine 32-Stunden-Woche für Eltern, wie sie Sozialministerin Manuela Schwesig fordert, wird keinen Unternehmensinhaber jauchzend an die Wahlurne locken.

Die SPD läuft Gefahr,von der CDU nun genüsslich vor den Karren gespannt zu werden. Sowieso gibt es Sozialdemokraten, die fürchten, dass es nach Mindestlohn- und Renten-Kompromiss nun erst mal vorbei ist mit dem süßen Regieren. "Zuletzt ging es in der Großen Koalition viel ums Verteilen, jetzt sollte es wieder mehr ums Erwirtschaften gehen", sagte am Donnerstag der wirtschaftspolitische Sprecher der Unionsfraktion, Michael Fuchs. Das war ein vergifteter Gruß an den Koalitionspartner. Der SPD-Chef kann dem nach seiner Interview-Offensive nicht wirklich etwas entgegensetzen.