Das Berliner Olympiastadion hat schon viel erlebt: Hitlers Olympische Spiele 1936, Papstbesuche, glänzende und weniger glänzende Auftritte der Hertha, die Fußballweltmeisterschaft 2006, Rockkonzerte, Auftritte von Comedians. Ab diesem Freitag gibt es in der Arena jedoch ein Novum: Sie wird zum Wahllokal für die türkische Präsidentenwahl. 

Vier Tage lang können 140.000 Türken aus Berlin und Umgebung im Olympiastadion ihre Stimme für einen der drei Kandidaten abgeben. Auch in sechs weiteren Städten – Hannover, Essen, Düsseldorf, Frankfurt am Main, Karlsruhe und München – werden Hunderttausende an die Wahlurnen in Fußballarenen kommen. Insgesamt sind 2,7 Millionen türkische Staatsbürger im Ausland wahlberechtigt, zum ersten Mal in der türkischen Geschichte können sie außerhalb der Türkei wählen. Mehr als die Hälfte davon, fast 1,4 Millionen, lebt in Deutschland. Dies entspricht einer Wählerschaft, die annähernd so groß ist wie die der fünftgrößten türkischen Stadt Adana, fast drei Prozent der Stimmberechtigten.

Diese Zahlen machen Deutschland zu einem wichtigen Ort der türkischen Politik, insbesondere für die AKP von Noch-Regierungschef Recep Tayyip Erdoğan, der vom Ministerpräsidentenamt ins Präsidentenamt wechseln will. Einer aktuellen Studie der Hacettepe-Universität in Ankara zufolge sind rund 58 Prozent der stimmberechtigten Türken in Deutschland Unterstützer der AKP.  

Erdoğan änderte das Wahlrecht aus Eigeninteresse

Deswegen war es vor allem in Erdoğans Interesse, das Wahlrecht zu ändern und Auslandstürken zum ersten Mal an ihrem aktuellen Aufenthaltsort wählen zu lassen. Zuvor mussten sie zumindest bis an die türkische Grenze reisen, um dort ihre Stimme abzugeben. Viele konnten sich das nicht leisten. Auch per Briefwahl konnten sie nicht abstimmen: 2008 entschied das türkische Verfassungsgericht, die Stimmabgabe per Brief sei wegen der möglichen "Beeinflussung von außen, zum Beispiel durch Familienmitglieder oder den Freundeskreis", nicht rechtsgültig.

Erdoğans Regierung stellt die Wahlmöglichkeit im Ausland als großen demokratischen Fortschritt da. Auch Caner Aver vom Zentrum für Türkeistudien und Integrationsforschung sieht darin einen wichtigen Demokratisierungsschritt: "Wählen ist ein Menschenrecht und sollte deswegen allen Stimmberechtigten ermöglicht werden."

Das Konzept der türkischen Konsulate für die Stimmabgabe wurde von der Bundesregierung nach eingehender Prüfung genehmigt. Dass andere Staaten ihre Bürger in Deutschland wählen lassen, ist nicht unüblich. Zumeist geschieht das aber in den jeweiligen diplomatischen Vertretungen, nicht in Fußballstadien. Und die Zahl der Stimmberechtigten ist wesentlich geringer. 

Mehr Demokratie für weniger Demokratie

Die hohe Zahl der erwarteten Wähler stellt nicht nur die Organisatoren vor große Herausforderungen; jeder Wahlberechtigte bekam ein Zeitfenster zugewiesen, in dem er seine Stimme abgeben muss. Auch die deutschen Sicherheitsbehörden sind in Alarmbereitschaft. Die Zusammenarbeit mit ihnen laufe reibungslos, heißt es in den türkischen Konsulaten.

Fast schon paradox erscheint bei dem ganzen Aufwand, dass das Mehr an demokratischen Mitbestimmung für die hier lebenden Türken wahrscheinlich gerade dem Kandidaten helfen wird, der die Demokratie in der Türkei schwächen will: Die Wahl zum Präsidenten durch das Volk soll für Erdoğan der nächste Schritt seines Projekts sein, Staat, Presse und Zivilgesellschaft auf sich  auszurichten.