Als der Kriminologe Rudolf Egg vor einigen Jahren die forensische Abteilung des Bezirksklinikums in Straubing besuchte, war er bass erstaunt. Vorgeführt wurden ihm original getreue Miniaturautos, die einer der straffälligen Psychiatriepatienten gebaut hatte. "Das waren richtige filigrane Kunstwerke", sagt der Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, einer Forschungseinrichtung von Bund und Ländern, heute. Die Arbeit stamme von "unserem besten Mann", hörte er damals, einem psychisch kranken Dreifachmörder. Danach, wie die Autos vermarktet wurden, erkundigte sich Egg nicht.

Die Modelle wurden von der Firma Sapor Modelltechnik weiterverkauft, von eben jenem Unternehmen also, dessen Teilhaberin die CSU-Politikerin und heutige Chefin der bayerischen Staatskanzlei Christine Haderthauer damals war und das sie derzeit so sehr in Bedrängnis bringt.

Begonnen hatte die Produktion der Modellautos 1990 in der forensischen Abteilung der Bezirksklinik Ansbach. Dort arbeitete Haderthauers Ehmann damals als Arzt. Als er mitbekam, über welche Fähigkeiten einer seiner Patienten verfügte, machte er daraus eine Werkstherapie. Unter der Anleitung von Roland S. bauten etwa fünf bis sechs psychisch kranke Straftäter an den Autos, zunächst in Ansbach, später in Straubing.

Ein Ex-Insasse beklagt sich in der "Bild"

Diese alte Geschichte hat Haderthauer derzeit mit voller Wucht eingeholt. Einerseits, weil ein früherer Mitteilhaber von Sapor Modelltechnik ihr Betrug vorwirft. Andererseits steht aber auch der Vorwurf im Raum, die ganze Sache sei eine unmoralische Angelegenheit gewesen. Ein Ex-Insasse warf Haderthauer am Donnerstag in der Bild-Zeitung Ausbeutung vor. Auch die Opposition im bayerischen Landtag kritisiert das Geschäftsmodell scharf. Haderthauer habe einen Strafgefangenen dazu missbraucht, erhebliche Einnahmen zu erzielen, während der Steuerzahler leer ausgegangen sei, sagt der bayerische SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher.  "Es gibt Dinge, die tut man nicht – und das ist so ein Fall ", urteilt er.

Tatsächlich aber ist es keineswegs unüblich, dass private Unternehmen in Gefängnissen oder eben auch im Maßregelvollzug Waren produzieren lassen. In Bayern nutzen auch große Firmen wie BMW oder der Heizkörperhersteller Kermi diese Möglichkeit, wie der Donaukurier berichtete. Anderswo ist das genauso.

"Idealismus" – wie Haderthauer das für sich in Anspruch nimmt, dürfte dabei jedoch in der Regel keine Rolle spielen, sondern vielmehr die Tatsache, dass sich die Produktion für die Firmen lohnt. Denn die Insassen bekommen keinen normalen Arbeitslohn sondern nur ein relativ niedriges Therapieentgelt. Im Fall der Autobauer von Ansbach betrug dieses zunächst 250 Mark im Monat. Auch Sozialversicherungsbeiträge werden nicht fällig. Dafür stellen die Firmen das Material, manchmal auch Werkzeuge und Maschinen.

Und sie müssen natürlich damit leben, dass die Arbeitsproduktivität nicht mit der in einem normalen Betrieb zu vergleichen ist. "Bei den Vereinbarungen mit den externen Unternehmen handelt es sich nicht um Geschäftsbeziehungen im Sinne eines Waren-/Termingeschäftes", betont eine Sprecherin der Bezirkskliniken Mittelfranken, zu denen auch die forensische Abteilung in Ansbach gehört. "Die Patienten arbeiten je nach Verfassung. So ist es auch möglich, dass keine oder eine geringe Bearbeitung des gelieferten Materials erfolgt." Ohnehin ist die Teilnahme an einer Arbeitstherapie freiwillig.

Grundsätzlich sind sich alle Experten – übrigens auch die bayerische SPD – einig, dass es absolut begrüßenswert ist, wenn private Firmen auf diese Weise produzieren. Je näher dran die Arbeit am ersten Arbeitsmarkt sei, desto besser, so die allgemeine Einstellung. Denn nur eine tatsächlich benötigte Arbeit qualifiziere auch für die Zeit nach der Entlassung.