ZEIT ONLINE: Frau Schwarz-Friesel, Sie untersuchen an der TU Berlin seit Jahren die deutsche Berichterstattung über den Nahost-Konflikt. Oft lautet der Vorwurf: Deutsche Medien berichten zu einseitig, Kritik an Israel sei tabu. Stimmt das?

Schwarz-Friesel: Im Gegenteil, die deutschen Medien kritisieren kaum ein Land so oft wie Israel. Wir haben die Berichterstattung über den Nahen Osten mit Artikeln über die Lage der Menschenrechte und Konflikte in anderen Ländern verglichen, wie Russland, China, Saudi-Arabien und Nordkorea. Kaum eines der Länder schnitt so schlecht ab. In den Artikeln finden sich ungewöhnlich viele NS-Vergleiche, es gibt ein sehr negatives Bild des Landes. 

 ZEIT ONLINE: Sie haben 2012 während des Gaza-Konflikts 400 Schlagzeilen aus Onlinemedien analysiert. Ergebnis: In drei Viertel der Überschriften wurde Israel als der aggressive Part dargestellt. War das nicht zu erwarten, weil Israel den Palästinensern militärisch weit überlegen ist?

Schwarz-Friesel: Oft liegt hier eine Realitätsverdrehung vor. In der Schlagzeile ist Israel fast immer Aggressor, im Text selbst steht dann, dass Israel nur reagiert hat. Ein Beispiel: Vor einer Woche einigten sich die Parteien im Gaza-Krieg auf eine Feuerpause, die Hamas schoss nach einigen Stunden trotzdem Raketen ab. 80 Prozent der Schlagzeilen auf Nachrichtenseiten lauteten aber: Israel bricht Waffenruhe.


ZEIT ONLINE: Wie ist die Sprache in längeren Lesetexten? 

Schwarz-Friesel: Wenn Palästinenser beschrieben werden, greifen manche Autoren auf idealisierte Bilder wie die Olivenbäume, die Felder und die Schafherden zurück. Israelis stehen oft im Zusammenhang mit extremen Verben, die Gewalt und Willkür ausdrücken – "zerstören, angreifen, besetzen, befehlen". Man darf, kann und muss Israel kritisieren, wenn es angebracht ist. Aber wenn wir uns die Talkshows, die Berichterstattung und die Kommentare im Internet anschauen, dann wird Israel extrem negativ gezeichnet.

ZEIT ONLINE: In einem neuen Projekt untersuchen Sie antisemitische Sprache in sozialen Medien, Blogs und Foren. Wenn ein Nutzer auf Facebook einen Artikel zu getöteten Zivilisten in Gaza kommentiert und schreibt, der Staat Israel sei ein Kindermörder: Ist das dann Israel-Kritik oder Antisemitismus?

Schwarz-Friesel: Das Stereotyp des jüdischen Kindermörders gibt es seit 2.000 Jahren. Für mich ist es mehr als Kritik. Man kann ja auch auf eine andere Weise sehr scharf und sehr kritisch mit der Militäraktion Israels umgehen, ohne auf judenfeindliche Stereotype wie der "jüdische Wucherer" und "Kindermörder" zurückzugreifen.

ZEIT ONLINE: Sie haben auch rund 14.000 Mails an den Zentralrat der Juden und die israelische Botschaft in Berlin ausgewertet und bilanziert: "Der Hass auf Israel vereint Schreiber aller Schichten." Gilt das auch für Antisemitismus in sozialen Medien? 

Schwarz-Friesel: Wir haben bisher nur Stichproben und wissen noch nicht, wer die Kommentatoren sind. Was wir aus bisherigen Untersuchungen schon wissen: Antisemitische Parolen finden sich beileibe nicht nur bei extremen und fundamentalistischen Webseiten, sondern auch in ganz normalen Foren und Kommentarspalten. Es geht hier um 100.000 Fälle. Ganz aktuell analysieren wir Tweets, in denen steht: "Es passieren furchtbare Dinge in Gaza, weil die Juden ein furchtbares Volk sind." Das ist klassischer Antisemitismus, verquickt mit einem aktuellen Anlass. Ein anderes Beispiel: Auf der Seite gutefrage.de stand ein Jahr lang die Frage: "Warum sind Juden eigentlich immer so böse?" – das hat niemanden gestört.

ZEIT ONLINE: Wie unterscheidet sich antisemitische Sprache im Netz von Parolen im Alltag?

Schwarz-Friesel: Der User sitzt am heimischen Computer, das simuliert Privatheit. Vielen ist nicht bewusst, dass ihre Posts millionenfach gelesen werden können, andere reizt genau das. Ich bezeichne das Internet als einen kontrollresistenten Kommunikationsraum. Antisemitismen können sich in den Kommentarspalten und sozialen Medien rasend schnell verbreiten, auch bei seriösen Websites. Die Kontrolle ist schwierig, viele Seiten kommen oft mit dem Löschen nicht hinterher. Dazu kommt: Immer weniger Nutzer widersprechen solchen Kommentaren explizit. Noch vor zehn Jahren kritisierten Nutzer in Stichproben Antisemitismus noch entschiedener.  

 ZEIT ONLINE: Woran könnte das liegen?

Schwarz-Friesel: In den letzten zehn Jahren ist der verbale Antisemitismus "normaler" geworden. Auch in der Öffentlichkeit lehnen immer weniger Leute judenfeindliche Slogans ab. Ein aktuelles Beispiel sind die Parolen wie "Jude, Jude, feiges Schwein" und "Kindermörder" bei den anti-israelischen Demonstrationen in Berlin. Die Staatsanwaltschaft kam nicht zu dem Ergebnis, dass es sich hier um Volksverhetzung handelt. Ich würde natürlich sagen, dass solche Parolen Antisemitismus sind. Solche Fälle sprechen sich rum, tauchen in den Medien auf und ermutigen die Leute, ihre Hemmungen fallen zu lassen. Antisemitismus ist auch ohne das Internet da. Doch die Struktur des Mediums kann die Judenfeindlichkeit verstärken.