Eigentlich wollte Thomas Rüter gar nichts sagen. Denn am Dienstagabend tagte der Vorstand der Schützenbruderschaft St. Georg, dessen Geschäftsführer er ist. Wichtigstes Thema: ihr König, der kein König mehr sein darf. Doch dann redet Rüter doch: "Mithat Gedik hat unsere Unterstützung verdient", sagt er. "Der Mensch kommt bei uns vor der Satzung." Er könne sich nicht vorstellen, dass der Vorstand Gedik auffordert, das Amt des Schützenkönigs niederzulegen – oder gar zu konvertieren.

Auch Rolf Nieborg hat wenig Lust, sich zu äußern. "Was soll ich jetzt sagen?", schnaubt der Sprecher des Bundes der Historischen Deutschen Schützenbruderschaften (BHDS) ins Telefon, jenes Dachverbandes, zu dem auch die St.-Georgs-Schützen gehören. "Wir treffen uns am Mittwoch und sprechen dann über die Entscheidung der Bruderschaft St. Georg." Denn: "Das ist ein Schlamassel, das sich der Verein selbst eingebrockt hat", sagt Nieborg.

Und mittendrin in diesem Schlamassel steht Mithat Gedik und versteht die Welt nicht mehr. Ende Juli schoss der türkischstämmige Gedik den Vogel ab und amtiert nun als Schützenkönig im westfälischen Werl. Ein Muslim in Uniform und Filzhut, im deutschesten aller Vereine, bei den Schützen – und dann auch noch als deren König. Mehr Integration geht nicht.

Vereinigung christlicher Menschen

Doch der Dachverband BHDS sieht das weniger entspannt. Seiner Ansicht nach darf Gedik beim Bezirksschützenfest Ende August nicht antreten. Denn laut eigener Satzung ist die Bruderschaft St. Georg eine "Vereinigung von christlichen Menschen". Gedik hätte gar nicht erst aufgenommen werden dürfen, findet der Dachverband.

Und so ergibt sich folgende Problemlage: Ein Schützenkönig, der nicht regieren darf, weil er Muslim ist. Eine Bruderschaft, die ihre eigene Satzung nicht kennt, aber hinter ihrem Schützenkönig steht. Und ein konservativer Dachverband, der den Werlern mit Rauswurf droht.

Längst geht es um mehr als um den muslimischen Schützenkönig Gedik. Hier prallt eine sich schnell verändernde Gesellschaft auf traditionelles deutsches Vereinswesen, Integration kollidiert mit Brauchtum. Alles dreht sich um die Frage: Muss man Christ sein, um in einer Schützenbruderschaft zu schießen?

Stark kirchlich-religiöse Fundierung

Schützenbruderschaften entstanden im späten Mittelalter aus Gruppen von Bürgern, die sich selbst verteidigen wollten. Die Bruderschaften kennzeichnete eine starke kirchlich-religiöse Fundierung. "Mit der Zeit verschwand der Aspekt Selbstverteidigung, die Bruderschaften wurden zu sozialen Gemeinschaften, die feierten und Traditionen pflegten", sagt die Volkskundlerin Dagmar Hänel.

"Heute organisieren die Vereine in ihren Orten Schützenfeste und engagieren sich sozial." Die 44-Jährige beschäftigt sich am LVR-Institut für Landeskunde in Bonn mit Bräuchen und forschte an einem Projekt zu Schützenbruderschaften in Neuss. Aus der Zeit des Mittelalters sind Parolen wie Glaube – Sitte – Heimat geblieben, das Motto der Historischen Schützenbrüderschaft. Und Satzungen, die den christlichen Glauben zur Bedingung machen.

Die historischen Schützen sind kein Einzelfall, auch andere Bruderschaften haben das Bekenntnis zum Christentum in ihrer Satzung verankert. Helmut Koch ist Erster Brudermeister in der St. Markus Schützenbruderschaft Beringhausen, einem Städtchen im Sauerland. Mitglieder können nur Männer werden, die einer christlichen Konfession angehören, das sagt die Satzung. Koch sagt: "Wir haben die Integration über die Satzung gestellt." 

Die Dorfgemeinschaft zusammenhalten

Vor rund zehn Jahren wollte ein muslimischer Schütze, frisch nach Beringhausen gezogen, Mitglied bei St. Markus werden. Doch auf dem Aufnahmebogen konnte er nur die Felder katholisch oder evangelisch ankreuzen. Der Vorstand diskutierte mit dem Präses und entschied: Er darf beitreten, Satzung hin oder her.

"Wir Schützen wollen unsere Dorfgemeinschaft zusammenhalten", sagt Koch. "Wir sind da lockerer." Ein richtiger Schritt, findet Volkskundlerin Hänel: "Der Fall aus Werl zeigt doch: Die Satzungen werden oft gar nicht gelesen. Vor Ort findet schon jetzt Integration statt, hier orientieren sich die Schützen eher an der Alltagsrealität als an einer schriftlichen Satzung."

Warum also das "christlich" nicht ganz streichen? Herr Koch weiß nicht so recht. Immerhin, die Bruderschaft denke darüber nach, die Satzung zu ändern. Denn nicht nur Muslime sind ausgeschlossen. Auch Schützenbrüder, die aus der Kirche ausgetreten sind, dürfen nicht schießen. Zumindest formal.