Sachsen könnte bald von einer Koalition aus CDU und SPD regiert werden – oder aber von Christdemokraten und Grünen. Beide Optionen hielt sich der CDU-Spitzenkandidat und Ministerpräsident Stanislaw Tillich am Wahlabend offen. "Ich habe keine Präferenz, das müssen Gespräche ergeben", sagte er in einem TV-Interview. Wenig später präzisierte er: "Wir werden uns einen Koalitionspartner suchen, mit dem wir auch gemeinsam für das Land etwas erreichen können. Und mit Sicherheit zählt dazu die AfD nicht." Auch die CDU-Generalsekretäre von Land und Bund äußerten, es könne keine Zusammenarbeit geben. Mit der Linkspartei zu regieren, hatte Tillich stets für unmöglich erklärt.

Vor der Wahl hatte der der Wahlsieger ein Bündnis mit der Alternative für Deutschland (AfD) vor der Wahl nicht völlig ausgeschlossen – wohl um der CDU Wähler zu sichern und in möglichen Koalitionsverhandlungen Druck auf die SPD von Spitzenkandidat Martin Dulig machen zu können. Von letzterem rückte er nun offensichtlich ab.

Tillich hatte am Wahlabend aber auch gesagt, er sehe die AfD politisch "nicht rechts von der CDU". Wohin die neue Partei gehe, müsse erst die parlamentarische Arbeit zeigen.

Sachsen-Spitzenkandidatin Petry hofft noch auf Gespräche mit der CDU. "Wir sind gespannt, ob Herr Tillich auf unsere Themen eingehen wird". Bundeschef Bernd Lucke dämpfte jedoch Erwartungen, die AfD könnte eine Regierungsbeteiligung anstreben. CDU-Spitzenkandidat Tillich sei "vergattert worden, nicht mit uns zu sprechen", sagte er. "Insofern sehe ich keine Koalitionsoption."

Sachsens CDU und die SPD sehen sich nach der Abstimmung über den künftigen Landtag durch die Wähler bestätigt. Die Spitzenvertreter beider Parteien interpretierten das Ergebnis der Landtagswahl (Details hier) als Vertrauensvorschuss der Wähler. SPD-Spitzenkandidat Dulig sprach von "einem Kredit", mit dem sich auch Erwartungen verbänden.  

Dulig hat die Chance, als Vizeregierungschef in eine Koalition mit der CDU einzutreten, die stärkste Kraft wurde. Der 40-Jährige versuchte am Abend, die Hürden hoch zu legen: Der SPD seien eine gute Bildungspolitik und der Mindestlohn Herzensanliegen, sagte er. Die wolle man auch im Koalitionsvertrag wiederfinden. Auch CDU-Spitzenkandidat Tillich sprach von einem Vertrauensvorschuss, der ein Ansporn sei. Über Koalitionsoptionen werde am Montag der Parteivorstand beraten, sagte er. 

Der größte Gewinnerin der Wahl, die nun erstmals in einem Landesparlament vertretene AfD, sieht sich für die beiden nächsten Wahlen in zwei Wochen gut gerüstet. Spitzenkandidatin Frauke Petry sagte, die AfD sei "in Sachsen angekommen" und mit Erwartungen konfrontiert. Noch viel wichtiger sei, dass sie "in Deutschland angekommen" sei. Das müsse man nun für die Wahlen in Brandenburg und Thüringen nutzen, rief sie die Wähler auf.

NPD-Spitzenkandidat Holger Szymanski bedauerte, dass die AfD der NPD Wähler abgezogen habe. Seine Partei müsse die nun zurückerobern. Auf Parallelen zur AfD angesprochen, sagte er, es gebe durchaus Schnittmengen, die NPD werde aber in den kommenden fünf Jahren Gelegenheit haben, sich politisch an der AfD zu reiben.  

"Die Marke FDP ist beschädigt"

FDP-Spitzenkandidat Holger Zastrow bedauerte das Ergebnis seiner Partei, das letztlich im Abschied vom Parlament mündet. Die Marke FDP sei stark beschädigt, sagte er. Er verteidigte die marktliberalen Werte seiner Partei, die er aus Überzeugung nicht aufgebe. "Wir kommen wieder", sagte er mit Blick auf die Zukunft. Zastrow hatte sich im Wahlkampf offen von der Bundesführung seiner Partei distanziert, die auch für das Ausscheiden aus dem Bundestag 2013 verantwortlich war.

Er konnte den jahrelang anhaltenden Abwärtstrend der Liberalen aber nicht stoppen. Sie blieben unter der Fünfprozenthürde (2009: 10,0 Prozent) und werden nicht mehr im Landtag vertreten sein.

Die Wähler hatten bei der Wahl des Landtags die CDU als stärkste Kraft bestätigt. An zweiter Stelle folgte erwartungsgemäß die Linkspartei. In die kleinen Parteien kam Bewegung. Die SPD konnte ihr Ergebnis leicht verbessern (2009: 10,4).

Größter Aufsteiger wurde die AfD, die aus dem Stand in den Landtag einzieht. Die Grünen kamen knapp über die Fünfprozenthürde (2009: 6,4). Für die NPD waren das Auszählen der letzten Wahlkreise entscheidend. Sie scheiterte am späten Abend äußerst knapp mit 4,95 Prozent. (2009: 5,6).

Schwarz-Grün möglich, aber nur ohne NPD

Neben einer großen Koalition aus CDU und SPD kämen die Christdemokraten rechnerisch auch mit Parlamentsneuling AfD auf die nötige Mehrheit, um Gesetze durchzubringen. Diese Koalitionsvariante hatte Ministerpräsident und CDU-Spitzenkandidat Tillich nicht ausgeschlossen.

Weil die NPD nicht mehr vertreten ist, ist ein schwarz-grünes Bündnis mit den Grünen von Spitzenkandidatin Antje Hermenau rechnerisch möglich. Hermenau äußerte sich erleichtert über das Abschneiden der Grünen: Das Ergebnis sei besser, als sie in den vergangenen Tagen vermutet habe. Den Einstieg der AfD bezeichnete sie als "ein Erdbeben". Die Stärke der Rechtspopulisten sei ein Imageschaden für Sachsen, sagte sie. Grünen-Bundeschef Cem Özdemir sprach angesichts des Verbleibs der Grünen im Landesparlament von einem wichtigen Signal für seine Partei.

Eher unwahrscheinlich ist dagegen ein Linksbündnis: Keine der infrage kommenden Parteien hat bisher Bereitschaft erkennen lassen, sich auf eine Regierung unter Linken-Führung einzulassen. Spitzenkandidat Rico Gebhardt erklärte sein Wahlziel als erreicht, die absolute Mehrheit der CDU zu verhindern. In Umfragen hatte die CDU nahe 50 Prozent gestanden.

SPD-Chef Sigmar Gabriel machte Tillich für das starke Abschneiden von AfD und NPD verantwortlich. Die Taktik, die Landtagswahl auf den letzten Ferientag zu legen, habe die Wahlbeteiligung gedrückt und so die Rechtspopulisten und Rechtsradikalen gestärkt, sagte Gabriel. "Diese Dummheit sollte sich nicht wiederholen."

Etwa 3,4 Millionen Sachsen waren aufgerufen, die Zusammensetzung des Landtags neu zu bestimmen. Die Wahlbeteiligung erreichte mit 48,5 Prozent einen neuen Tiefpunkt, etwa vier Prozentpunkte hinter dem Stand von 2009. "Die geringe Wahlbeteiligung ist beschämend für unser Land", sagte Dulig.

In Dresden beobachtet Lisa Caspari den Wahlabend. Informationen und Einschätzungen auf Twitter hier