Vier Wissenschaftler haben einen Gesetzesvorschlag zur Sterbehilfe erarbeitet. Dieser sieht vor, dass zwar Hilfe zur Selbsttötung weiterhin unter Strafe stehen solle. Ärzte sollten aber schwerstkranken Menschen ohne Heilungschance unter strengen Voraussetzungen helfen dürfen.

Der Vorschlag stammt von dem Palliativmediziner Gian Domenico Borasio, dem Medizinjuristen Jochen Taupitz sowie den Medizinethikern Ralf J. Jox und Urban Wiesing. Sie positionieren sich gegen Pläne der Union, Ärzte unter Strafe zu stellen, die Kranken wiederholt tödliche Medikamente zur Selbsttötung verschaffen. Gesundheitsminister Hermann Gröhe bereitet derzeit einen entsprechenden Gesetzesentwurf vor.

Der Vorschlag der vier Wissenschaftler sieht vor, dass Gesunde grundsätzlich keine Sterbehilfe bekommen dürfen. Vielmehr müsse ein Arzt in einer "persönlichen Untersuchung zu der Überzeugung gelangen, dass der Patient an einer unheilbaren, zum Tode führenden Erkrankung mit begrenzter Lebenserwartung leidet". Diese Einschätzung müsse von einem zweiten Arzt bestätigt werden.

Zudem müsse der Sterbewillige umfassend über seinen Zustand und die palliativmedizinischen Möglichkeiten aufgeklärt werden. Auch müsse er zehn Tage Bedenkzeit einhalten. Erst wenn er dann noch an seinem Entschluss festhalte, könne er die tödlichen Medikamente von seinem Arzt bekommen. Werbung für eine Beihilfe zu Suizid solle strikt verboten sein.

Harsche Kritik an dem Entwurf

Der Vorschlag stieß teils auf harsche Kritik. "Wenn der Gesetzentwurf Realität würde, wird die Suizidbeihilfe zum Regelangebot des Arztes. Damit hätten wir den zertifizierten Mediziner für Selbsttötung", sagte der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch. Auch die Senioren-Union lehnte den Vorschlag ab und warnte, Sterbehilfe zur Abrechnungsziffer zu machen.

"Es ist wichtig, dass wir mit unserem Gesetzesvorschlag für Rechtssicherheit sorgen", sagte hingegen der Mitautor des Entwurfs, Jochen Taupitz. "Jeder Arzt muss es zu seiner Gewissensentscheidung machen." Auch Angehörige und nahestehende Menschen sollten ohne Strafe bleiben, wenn sie beim Sterben helfen, erläuterten die Professoren, die ihre Vorstellungen in dem Buch Selbstbestimmung im Sterben – Fürsorge zum Leben zusammenfassen.

"Ein Verbot löst das Problem nicht, sondern verschärft es", warnte Urban Wiesing, einer der Autoren. Dann werde Beihilfe illegal geleistet – oder verzweifelte Menschen begingen auf grausame Weise Selbstmord.

Keine Tötung auf Verlangen

Tötung auf Verlangen, wie sie in den Niederlanden oder Belgien erlaubt ist, lehnten die Mediziner ab. "Der Unterschied liegt darin, dass der Betroffene die tödliche Substanz selbst einnimmt", sagte Mitautor Ralf Jox. Es gebe Hinweise, dass die Hemmschwelle sinke, wenn der Arzt den Schritt übernehme, hieß es.

Der Entwurf der Mediziner lehnt sich an die seit 17 Jahren geltende Regelung im US-Bundesstaat Oregon an. Seitdem sei die Zahl der assistierten Suizide konstant und liege niedrig bei zwei Promille aller Sterbefälle.