Er hat sie umarmt und umschmeichelt, er hat ihnen seine Sehnsucht gestanden und sie in das große, stolze türkische "Wir" aufgenommen. Und ein wenig hat Recep Tayyip Erdoğan ihnen auch gedroht, seinen in Deutschland lebenden Landsleuten: Wählt mich zum Präsidenten, nur so können wir unseren Feinden trotzen, den Feinden unser stolzen Nation. Dann hat er ihnen Wahlurnen vor die Haustür gestellt. Doch sie wollten nicht, wie er wollte.

Zum ersten Mal überhaupt wird der türkische Präsident am kommenden Sonntag direkt gewählt, und zum ersten Mal überhaupt mussten die im Ausland lebenden Türken nicht in die Heimat fahren, um mitzustimmen. Das Berliner Olympiastadion wurde bereits am vergangenen Wochenende zum größten Wahllokal der Welt, ebenso wie etliche riesige Hallen in Deutschland. Trotzdem vermeldet die türkische Botschaft in Deutschland nun eine extrem niedrige Wahlbeteiligung von 8,1 Prozent. Schuld daran sei die aufwendige Onlineregistrierung gewesen, lautet ihre Erklärung. Erdoğan selbst schimpfte in einem Fernsehinterview: "Es liegt nicht am Wähler." Vielmehr sei das Debakel auf die "YSK (oberste Wahlbehörde, Anm. d. Red.) zurückzuführen."

Tatsächlich hätten niedrigere Hürden sicher geholfen. Doch das allein erklärt nicht, warum die überwältigende Mehrheit der rund 1,4 Millionen türkischen Wahlberechtigten in Deutschland nicht mitstimmen wollte. Schließlich war Erdoğans Kampagne eine einzige Mobilmachung, ein Aufruf zur Landesverteidigung beinahe. Da hängt das Schicksal des Landes von ihrer Stimme ab, und die Wähler schaffen es nicht mal, ein Onlineformular auszufüllen?

Es muss noch etwas anderes sein. Es scheint eine Lücke zu geben zwischen der türkischen Politik und den Türken in Deutschland. Eine Lücke, die gleichzeitig Problem und Chance ist.

Ein Problem für die Türkei, weil es anscheinend keiner Partei gelungen ist, die im Ausland lebenden Türken wirklich von sich zu überzeugen. Sie haben kein Zeichen für Erdoğan gesetzt und keines gegen ihn.mehrere Millionen türkische Staatsbürger, auf der ganzen Welt verstreut, wollen bei dieser für das Land so wichtigen Wahl nicht mitmachen. Der türkische Botschafter in Dänemark berichtete der Zeitung Hürriyet, von den 30.000 türkischen Wählern im Land seien nicht einmal tausend zu den Urnen gegangen – aber 7.000 zu einem Vorbereitungsspiel des türkischen Fußballmeisters Fenerbahçe Istanbul in Kopenhagen.

Aus deutscher Sicht scheint diese Distanz der Auslandstürken zu den politischen Tumulten in der Heimat beruhigend. Ängstlich betrachteten alle Parteien hierzulande die offensive Diaspora-Politik Erdoğans. Wie er in den vergangenen Jahren vermehrt um die Türken hierzulande warb, in großen Hallen, mit pathetischen Worten. Dagegen sah die nüchterne deutsche Politik langweilig aus, dem stolzgeschwellten türkischen Patriotismus stand das nüchterne deutsche Selbstbild gegenüber. Da leben diese Leute seit Jahrzehnten hier und jubeln doch lieber dem fernen türkischen Präsidenten zu, statt in der deutschen Politik mitzumischen. Erdoğan holt sich seine Türken heim, er treibt einen Keil zwischen sie und uns: Das war die selten ausgesprochene Angst dahinter.

Nun ist klar: Sie war unbegründet. Vielmehr hängen die meisten Türken in Deutschland in einer Zwischenwelt. Bei der türkischen Politik wollen sie nicht mitmachen, bei der deutschen dürfen sie nicht. Die deutsche Politik hat jetzt die Chance, es besser zu machen als Erdoğan.

Ein allgemeines Kommunalwahlrecht für Ausländer wäre die richtige Antwort auf Erdoğans gescheiterte Deutschland-Offensive. Es ist ja sowieso absurd, dass zwar Spanier, Italiener und Bulgaren an ihrem deutschen Wohnort mitwählen dürfen, Türken aber nicht.

Ein solches Kommunalwahlrecht sollte nicht nur das Zückerchen sein, dass die Türken auf "die deutsche Seite" ziehen soll. Der Erfolg von Integrationspolitik bemisst sich nicht an neu ausgegeben deutschen oder gar an abgelegten türkischen Pässen. Niemand soll sich entscheiden müssen: Gehörst du dorthin oder hierhin? Warum sollte ein Bochumer Türke nicht sowohl über Erdoğans Präsidentschaft als auch über den örtlichen Stadtrat mitentscheiden? Zu solchen Patchwork-Identitäten gehört auch ein Patchwork-Wahlrecht. Der Erfolg von Integration bemisst sich an Beteiligung. Daran, dass die Mehrheitsgesellschaft andere mitreden lässt – und dass diese auch mitreden wollen.

Denn auch das ist wahr: Wer wählen darf und es nicht tut, kann nicht mehr bequem über die eigene politische Ausgrenzung klagen.