ZEIT ONLINE: Die AfD hat gestern in Sachsen aus dem Stand fast zehn Prozent geholt. Muss die CDU ihren bisherigen Umgang mit der Partei überdenken?

Wolfgang Bosbach: Bisher war es die offizielle Linie der CDU, die AfD zu ignorieren, auf keinen Fall über sie zu sprechen. Es gab die Hoffnung, dass es dann niemandem auffällt, dass es diese Partei gibt. Diese Strategie ist nicht erfolgsversprechend. Wir müssen uns ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, warum kann eine junge Partei bei einer Landtagswahl aus dem Stand fast zehn Prozent bekommen und bei der Bundestagswahl die Fünf-Prozent-Hürde nur knapp verfehlen. Wie kann es sein, dass eine Partei aus allen politischen Parteien Zulauf erhält, zudem aus dem Lager der Nichtwähler und in Sachsen ganz überwiegend aus dem Lager der Union. Das muss uns doch Sorgen machen.

ZEIT ONLINE: Was muss die CDU jetzt tun?

Bosbach: Zuerst brauchen wir eine kritische Analyse der Union, warum ehemalige Unionswähler zur AfD gehen. Es geht nicht darum, der AfD nachzulaufen, sondern sich mit ihren Positionen kritisch auseinanderzusetzen. Gelegentlich wird ja versucht, sich über die AfD lustig zu machen, zum Beispiel weil sie einen höheren Anteil deutschsprachiger Musik im Radio fordert. Das ist aber eine Position, die der deutsche Bundestag 2004 höchst selbst beschlossen hat, seither gibt es eine Selbstverpflichtung der deutschen Radiosender. Wenn man glaubt sich so über die AfD mokieren zu können, hat das keinen Erfolg.

ZEIT ONLINE: Muss die CDU stärker die Themen besetzen, die auch die AfD besetzt?

Bosbach: Es geht nicht darum, der AfD nachzulaufen. Ich wüsste gar nicht in welche Richtung ich da laufen sollte. Das, was die AfD im Kern zusammenhält, ist die Kritik am Euro und an der Euro-Rettungspolitik. Dahinter ergibt sich ein ganz buntes Bild von Links- bis Rechtspopulismus. Zum Beispiel fordert die AfD eine solide Finanzpolitik, gleichzeitig hat sie im sächsischen Landtagswahlkampf Versprechungen gemacht, die man nicht finanzieren kann, ohne neue Schulden zu machen. Das muss man aufdecken.

Aber man muss in einer großen Volkspartei wie der Union auch ganz offen über das Thema Euro-Rettungskurs sprechen können oder offen diskutieren dürfen, was der Niedrigzinskurs der Europäischen Zentralbank für die Sparerinnen und Sparer bedeutet. Es dürften auch nicht wenige sein, die von der Union zur AfD gehen, weil sie den Eindruck haben, dass diejenigen, die klassisch konservative, bürgerliche Positionen besetzen in der CDU nicht mehr die Heimat haben, wie das in der Vergangenheit der Fall war. Ich bekomme Tausende von Zuschriften, darunter sind relativ viele, die sich in diesem Sinne äußern. Die sich fragen, wofür steht die Union, was macht sie unverwechselbar. Wir brauchen auch zur Begründung dieser Großen Koalition in Berlin mehr als nur Mütterrente und keine Steuererhöhungen. Die Union muss noch weitergehende ambitionierte politische Ziele haben.

ZEIT ONLINE: Welche könnten das sein?

Bosbach: Nehmen sie zum Beispiel die Frage der Abmilderung der Wirkung der kalten Progression. Das ist für mit nicht in erster Linie ein steuerrechtliche Thema sondern eine Frage der sozialen Gerechtigkeit. Hier könnte die Union einmal deutlich machen, dass wir soziale Gerechtigkeit nicht nur denjenigen schulden, die eine staatliche Transferleistung bekommen, sondern auch denen, die von morgens bis abends dafür arbeiten, dass dieser Sozialstaat finanziert werden kann.

ZEIT ONLINE: Ist es richtig, Koalitionen mit der AfD grundsätzlich auszuschließen, wie es die CDU-Spitze tut?

Bosbach: Jetzt und auf absehbare Zeit kann ich mir eine Koalition mit der AfD nicht vorstellen. Ich wüsste gar nicht mit wem wir da koalieren würden. In vielen zentralen Feldern macht die AfD entweder diffuse oder widersprüchliche Aussagen. Das war bei den Piraten übrigens ganz ähnlich. Aber Parteien ändern sich auch. In 20 oder 25 Jahren kann die Lage eine andere sein.

ZEIT ONLINE: Ihre Partei hofft aber, dass die AfD sehr viel schneller wieder verschwindet, so wie es auch bei den Piraten war.

Bosbach: Ich sehe schon einen Unterschied zu den Piraten. Die Piraten hatten eine atemberaubende Medienresonanz, die überwiegend positiv war. Das hat ihnen überhaupt nicht geholfen. Die AfD hat auch eine große Resonanz in den Medien, überwiegend kritisch. Aber das stört ihre Wählerinnen und Wähler nicht.

Die AfD profitiert auch von dem starken Nachlassen der FDP. Sie ist in ein Vakuum eingedrungen. Wir haben immer gesagt, rechts von der Union darf es keine demokratische Partei geben und jetzt gibt es sie. Deswegen glaube ich nicht, dass es sich um eine Übergangserscheinung handelt. Wer glaubt in drei oder vier Jahren hat sich das Thema AfD erledigt, der wird sich wundern. Sie hat ja auch wirklich erfahrene Persönlichkeiten wie Bernd Lucke oder Alexander Gauland, die eine jahrzehntelange Erfahrung haben, da kann man doch nicht einfach so tun, als wenn das alles Spinner wären.