Oops, he did it again. Einmal mehr hat der Baden-Württembergische grüne Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Parteiräson in den Wind geschlagen, und im Bundesrat für den Asylkompromiss der großen Koalition gestimmt. Damit ist der Weg frei, Serbien, Mazedonien und Bosnien-Herzegowina zu "sicheren Herkunftsländern" zu erklären – womit Asylbewerber von dort schneller abgeschoben werden können. Die Entscheidung sei ihm "an die Nieren gegangen", sagte Kretschmann in einem Interview, und er habe sie nicht leichtfertig getroffen.

Kretschmanns Entscheidung war richtig. Die meisten Asylbewerber aus Balkanstaaten sind Roma, die auch in den Befragungen durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge selbst angeben, nicht aus Gründen der politischen Verfolgung herzukommen, sondern weil sie arm sind. Das ist ein legitimer Grund, sein Land zu verlassen, aber eben keiner für politisches Asyl. Dass sie obendrein häufig diskriminiert werden, ist nicht zu bestreiten – deshalb gelingt es immer wieder einzelnen, hier Asyl zu erhalten. Doch in der Praxis sind die Plätze in den Heimen und die Aufnahmekapazitäten begrenzt. Und in der Abwägung zwischen einem Jesiden aus dem Irak, dem die IS-Terroristen den Hals abschneiden wollen, und einem Rom aus Bukarest kommen die Ausländerbehörden zu einer klaren Entscheidung.

Viele Grüne aber tun so, als wären die Plätze unbegrenzt und deshalb Entscheidungen überhaupt nicht notwendig. Die Frage, wann das grüne Boot voll ist, stellten sie sich auf ihrem Freiheitskongress in Berlin heute nicht – obwohl es einer der eklatantesten grünen Ungereimtheiten ist.

Kretschmann aber hat nun abgewogen und entschieden: weil es für die Roma – deren Asylgesuche zu fast 100 Prozent abgelehnt werden – in Deutschland ohnehin kaum Chancen auf Asyl gibt, hat er für die Verbesserungen gekämpft, in deren Genuss nun alle Flüchtlinge kommen: eine Lockerung der "Residenzpflicht", die Flüchtlinge zwingt, sich in einem Verwaltungsbezirk aufzuhalten. Einen erleichterten Zugang zum Arbeitsmarkt – das Mittel der Wahl gegen Ressentiments in der Bevölkerung. Und schließlich die Abschaffung des Sachleistungsprinzips, nach der die Flüchtlinge kein eigenes Geld in die Hand bekommen. Auch das war eine der bisherigen Methoden, Deutschland unattraktiver zu machen für Flüchtlinge.

Es sind Verbesserungen, die auf Mobilität, Selbstverantwortung und Integration von Flüchtlingen setzen. Der Rest des grünen Spitzenpersonals spricht lieber weiterhin nur von Opfern. Sie verweisen gar auf die historische Verantwortung, die Deutschland gegenüber den Roma ebenso habe wie gegenüber den Juden – dadurch eine Parallele ziehend, die alle Befürworter der "sicheren Herkunftsstaaten" in eine sehr finstere Ecke stellt. Parteichefin Simone Peter wirft ihnen vor, dass Asylbewerber-Gruppen gegeneinander ausgespielt werden." Die Grünen hatten in den letzten Monaten kein wirkliches Thema – jetzt haben sie eins: die Flüchtlinge.

Nach der Entscheidung des einzigen grünen Ministerpräsidenten schäumen die Parteifreunde vor Wut: "Schäm Dich, Kretschmann!", twitterte die Sprecherin der Grünen Jugend, Theresa Kalmer. Ein Aufruf des linken Flügels, der inzwischen über 4.000 Unterzeichner hat,  bündelt die Enttäuschung und verspricht eine "ausführliche Befassung" mit dem Thema auf dem Bundesparteitag in Hamburg im November. 

Kretschmann hat sich schon oft in seinem politischen Leben mit seiner Partei überworfen; zuletzt in Sachen Atommüll.  Er war der erste Ministerpräsident überhaupt, der dafür plädierte, in seinem eigenen Bundesland nach Lagerungsmöglichkeiten zu suchen. Um diese Suche bundesweit zu öffnen, war ein Kompromiss nötig: dass Gorleben ebenso untersucht werde wie andere Standorte auch. Auch da stieg ihm die Grünenbasis aufs Haupt.

Aber so geht Politik. Jeder gibt ein bisschen was auf. Es ist nicht Kretschmanns Aufgabe, die Grüne Jugend glücklich zu machen. Er ist Ministerpräsident. Er muss mit den Gegnern gute Lösungen finden.