ZEIT ONLINE: In Brandenburg sind wie in Sachsen mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten nicht zur Wahl gegangen, in Thüringen lag die Wahlbeteiligung nur knapp über 50 Prozent. Für wie dramatisch halten Sie das?

Thorsten Faas: Die Entwicklung ist nicht neu. Gerade bei Landtags- und Kommunalwahlen sinkt die Beteiligung schon länger. Und im Osten sind die Quoten im Vergleich immer etwas niedriger als im Westen. Beides zusammen führt zu solchen Werten wie am Sonntag. Bemerkenswert ist eigentlich nur die niedrige Wahlbeteiligung in Thüringen. Denn dort stand ja wirklich etwas auf dem Spiel, trotzdem blieb fast jeder Zweite zu Hause.

ZEIT ONLINE: Wieso ist die Wahlenthaltung im Osten besonders hoch?

Faas: Die Zahl der Unzufriedenen ist dort noch höher, die Arbeitslosigkeit ebenfalls. Menschen in strukturell schwieriger Position neigen häufiger zur Nichtwahl. Das trifft in besonderem Maße für Ostdeutschland zu.

ZEIT ONLINE: Wenn Bürger von der Politik enttäuscht sind und sich deshalb von ihr abwenden, ist das nicht ihr legitimes Recht?

Faas: Natürlich. Die Wahl in Deutschland ist frei, niemand muss sich für seine Gründe rechtfertigen, weshalb er nicht wählt. Wichtig zu erkennen ist aber auch, dass Nicht- und Protestwahl ähnliche Hintergründe haben. Die Formel, weil die Wahlbeteiligung niedrig war, hat die AfD gut abgeschnitten, ist sicherlich zu einfach. In Brandenburg und Thüringen hat sie auch zahlreiche Wähler aus dem Lager der Nichtwähler geholt.

ZEIT ONLINE: Das heißt, die Wahlbeteiligung wäre womöglich noch niedriger gewesen, wenn sie nicht kandidiert hätte?

Faas: Ja, möglich, und auch umgekehrt wäre vorstellbar, dass die AfD bei höherer Wahlbeteiligung noch besser abgeschnitten hätte.

ZEIT ONLINE: Wer sind typische Nichtwähler? Und welche sozialen Gruppen gehen weiterhin häufig zur Wahl?

Faas: "Den" Nichtwähler gibt es nicht, auch nicht die oft zitierte "Partei der Nichtwähler". Wenn man sich die Situation in Großstädten anschaut, stellt man fest, dass es einen engen Zusammenhang gibt zwischen der jeweiligen sozialen Situation in den Vierteln und der Höhe der Wahlbeteiligung. In prekären Vierteln mit hoher Arbeitslosigkeit und hohem Anteil von Hartz-IV-Beziehern ist die Wahlbeteiligung niedrig. Und umgekehrt.

ZEIT ONLINE: Wenn Wähler von der Politik nicht mehr erwarten, dass sie ihre Probleme löst, ist es dann nicht verständlich, dass sie nicht zur Wahl gehen?

Faas: Sicherlich. Wählen ist kein Selbstzweck. Klare Positionen können helfen, und durchaus auch einmal ein zugespitzter Wahlkampf.

ZEIT ONLINE: Ist der Trend zur Wahlverweigerung denn noch aufzuhalten? Oder nähern wir uns amerikanischen Verhältnissen, wo nur noch eine Minderheit bestimmt, wer das Land regiert?

Faas: Das sind wie beschrieben langfristige Prozesse, die man nicht mal so eben umkehren kann. Hier geht es in Teilen auch um Vertrauensverlust. Und Vertrauen ist bekanntlich sehr flüchtig.

ZEIT ONLINE: Was können und sollten die Parteien dennoch tun, um wieder mehr Bürger zu bewegen, ihre Stimme abzugeben?

Faas: Die Parteien erkennen immerhin zunehmend, dass hier Handlungsbedarf besteht. Die Haustürbesuche im vergangenen Bundestagswahlkampf waren ein erster Versuch in diese Richtung. Auch dass die SPD jetzt von einer "Allianz für Wahlbeteiligung" spricht, zeigt, dass das Problem angekommen ist.

ZEIT ONLINE: Würde eine Wahlpflicht helfen? Wäre die verfassungsrechtlich überhaupt zulässig?

Faas: Möglich wäre sie. Wir zahlen ja auch alle Steuern. Und dass es etwas bringt, zeigen ja die Länder, in denen es eine Wahlpflicht gibt. Zugleich muss man sagen, dass eine gesetzliche Pflicht zur Wahl natürlich auch ein Eingeständnis der Parteien wäre, dass es ohne nicht geht. Davor werden sie zurückschrecken.

ZEIT ONLINE: Gefordert wird von einigen, künftig auch eine Onlinewahl per Computer zu ermöglichen, um die Schwelle zu senken.

Faas: Es ist sicher zu begrüßen, Wählen so einfach wie möglich zu machen. Aber das ist im Vergleich zu den Motivationsproblemen eher Kosmetik.