ZEIT ONLINE: Herr Minister, Ihr Grüner Parteifreund Winfried Kretschmann hat der Asylrechtsänderung zugestimmt, als einziger Grüner. War das ein Fehler?

Robert Habeck: Mein Bundesland und ich selbst haben nicht zugestimmt. Wir haben uns bewusst schon zu Beginn der Debatte gegen Verhandlungen entschieden. Ich persönlich war und bin der Meinung, dass das Asylrecht keine Verhandlungsmasse ist. Aber andere haben sich anders entschieden und zwar mit ausdrücklicher Billigung, ja mit dem expliziten Wunsch der Partei- und Fraktionsführung  und auch von Grünen, die jetzt sagen, Asylrecht ist nicht verhandelbar. Es wurden keine inhaltlichen roten Linien festgelegt. Also war die Möglichkeit der Zustimmung immer eingerechnet. Wenn es einen Fehler gab, dann ist er vor drei Monaten begangen worden. Obwohl ich inhaltlich anderer Auffassung bin als Kretschmann, ist mir das empörte Fingerzeigen echt zu selbstgerecht.

ZEIT ONLINE: In der Partei ist die Wut auf Kretschmann groß. Die Berliner Parteispitze distanziert sich, die Grüne Jugend ruft "Schäm dich". Woher die Wut?

Habeck: Asyl ist ein hochemotionales Thema. Bei den Grünen, auch bei mir. Asyl schützt Menschenrechte und ist schon jetzt verstümmelt. Es hat eine fundamental andere Bedeutung als der Landschaftspflegebonus im EEG: Aber die Kritik ist maßlos und in Teilen auch unlogisch. So wird kritisiert, dass  Kretschmann zu einem geringen Preis zugestimmt hat, für "'n Appel und n Ei", sagt Volker Beck. Gegenfrage: Wann wäre denn der Preis hoch genug, um Asylrecht zu relativieren? Ich kenne Winfried Kretschmann aus einer sehr engen Zusammenarbeit. Er ist ein Politiker, der von hohen Moralvorstellungen geradezu durchdrungen ist. Auch wenn ich in der Sache zu einer anderen Einschätzung komme als er, weiß ich doch, dass er mit sich gerungen hat und seine Entscheidung aus dem Geist von Verantwortung getroffen hat. Hingegen vergessen einige offensichtlich, dass sie mit den Verhandlungen die Möglichkeit von Zustimmung selbst eingeleitet haben.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie nicht mit ihm gestimmt?

Habeck: Weil ich nicht sah, wie Verhandlungen die Beurteilung der grundsätzlichen oder realen Situation in den Herkunftsländern verändern. Insofern hat Schleswig-Holstein von Anfang an eine Sonderrolle eingenommen. Wir haben die Ergebnisse der Verhandlungen nie im Detail bewertet oder uns daran beteiligt. Aber so wie ich für mich moralische Imperative definiere, akzeptiere ich, wenn die Partei- und Fraktionsführung und die Kollegen aus den Ländern für sich andere Positionen definieren. Das habe ich auch vor drei Monaten so gesagt, mir allerdings das Recht ausbedungen, nicht zustimmen zu müssen.

ZEIT ONLINE: Ihr Ministerpräsident Torsten Albig hat den Kompromiss als "mit Tinte aus dem Gefrierfach geschrieben" bezeichnet, Schleswig-Holstein hat die Reform als einziges Land mit grüner Regierungsbeteiligung abgelehnt. Ist das nicht ein wenig demagogisch?

Habeck: Torsten Albig ist ein leidenschaftlicher Politiker und seiner Rede hat man die Leidenschaft angemerkt. Politisch sind wir beide gleich davor und finden es falsch, dass Asylrecht zu relativieren. Dennoch darf ich vielleicht darauf hinweisen, dass nicht Kretschmann oder die Grünen die Abschiebung in sichere Herkunftsländer vereinbart haben. Kretschmann und die Grünen haben Verbesserungen erreicht, die die SPD der Union nicht abringen konnte. Man kann sagen, dass die nicht ausreichen und nicht zustimmen. Aber die Tinte, mit der das geschrieben wurde, kommt aus dem Tiefkühlfach des Koalitionsvertrags des Bundes. Dort findet man es auf Seite 109. Und der wurde von den CDU-Vertretern und auch denen der SPD unterschrieben.