Thüringer Sozialdemokraten gehen hart mit Bundesparteichef Sigmar Gabriel ins Gericht. Es sei "anmaßend, am Wahlabend den Oberlehrer zu machen", heißt es aus führenden Kreisen des Landesverbandes. Sich auf diese Weise direkt in die Angelegenheiten des Landesverbandes einzumischen, sei unüblich und unangemessen.

Gabriel hatte am Wahlabend öffentlich gesagt, die Verantwortung für das schlechte Ergebnis der Thüringer SPD sei im Landesverband zu suchen. Aus Erfurt hieß es, Gabriel lenke damit davon ab, dass die Themen der SPD allgemein nicht zündeten.

Vielmehr habe es die Bundespartei an Unterstützung und Rückhalt fehlen lassen, heißt es aus dem Landesverband. Die Bundes-SPD sei durch "vornehme Zurückhaltung" aufgefallen, lautet die Kritik im Gespräch mit ZEIT ONLINE. Ein einziger Auftritt gemeinsam mit Landeschef Christoph Matschie sei zu wenig gewesen. Ein Auftritt mit der Spitzenkandidatin Heike Taubert sei ausgefallen – allerdings aus privaten Gründen.

Hinzu kommen Unklarheiten im Hinblick auf personelle Konsequenzen. An der Landesspitze zeichnet sich nach dem Einbruch der SPD ein Wechsel ab. Es gilt als denkbar, dass der bisherige Chef Christoph Matschie seinen Posten in Kürze zur Verfügung stellen könnte. Als Nachfolger im Gespräch ist Erfurts Oberbürgermeister Andreas Bausewein.

Offenbar mischte sich Gabriel auch hier ein: Bausewein bestätigte dem MDR, dass Gabriel ihn aufgefordert habe, den Landesvorsitz zu übernehmen. So hatte es auch schon die Thüringer Landeszeitung berichtet. Eine Sprecherin Gabriels dementierte den Bericht jedoch als "Blödsinn". Gabriel habe mehrfach betont, das sei Sache der Landesverbände, sagte sie.

Wer Recht hat, dürfte sich noch am Abend zeigen, wenn der Landesvorstand tagt. Offiziell geht es um Ursachenforschung. Die Personalie könnte da bereits eine Rolle spielen. Bausewein sagte, er stehe als Landesparteichef grundsätzlich zur Verfügung. "Wenn das die mehrheitsfähige Meinung in der Partei ist, könnte ich mir vorstellen, den Posten zu übernehmen."

Bausewein ist ein Anhänger der Rot-Rot-Grünen Koalitionsoption, die in Thüringen seit der Wahl vom Sonntag besteht. Matschie galt bisher als Fan der Zusammenarbeit mit der CDU, wie sie ebenfalls möglich wäre. Die CDU hat angekündigt, mit SPD und Grünen Kontakt aufzunehmen, die SPD hatte eine Präferenz für die Linkskoalition erkennen lassen, hält sich vorerst jedoch für alle Parteien offen.   

Bei der internen Suche nach der Ursache für das Absinken der SPD auf zwölf Prozent ist die Landespartei gespalten. Tauberts Unterstützer führen an, sie sei mit nahezu hundertprozentiger Zustimmung als Kandidatin nominiert worden. Eine erste Analyse nach der Wahl habe zudem gezeigt, dass nur ein Viertel der Befragten die Sozialministerin für den Stimmenverlust verantwortlich machten. Auch SPD-Landeschef Matschie hatte gesagt, an der Spitzenkandidatin habe es nicht gelegen. 

Taubert ist auch mit dem schlechten Ergebnis in komfortabler Situation: Obwohl sie die Wahlverliererin ist, wird die SPD an jeder rechnerisch möglichen Regierung beteiligt sein.

Rund um den Landeschef und Noch-Kultusminister Matschie machen die Genossen Taubert für den Einbruch der SPD verantwortlich. "Zu viel gegrillt, zu wenig Politik", ätzt ein Mann aus der Parteispitze. Er spielt auf eine Reihe von Veranstaltungen unter dem Motto "Heike grillt" an, bei denen Taubert bei Rostbratwurst und Salaten mit den Wählern ins Gespräch kommen sollte. Taubert sei mit den SPD-Inhalten nicht durchgedrungen, "ihre Kampagne war schlecht", heißt es.