Bei den Linken in Brandenburg ging es um 8,6 Prozentpunkte runter am Sonntag, die SPD in Thüringen sackte um 6,1 Prozent ab. Beide hatten vorher regiert, die einen unter der SPD, die anderen unter der CDU. Zuvor war auch schon in Sachsen die FDP von 10 auf 3,2 Prozent abgeschmiert, auch sie Juniorpartner in der Regierung. Zeit also, eine gefühlte Wahrheit zu prüfen: Werden bei Wahlen in Deutschland immer die Parteien abgestraft, die zuvor als kleinerer Partner mitregiert haben?

Wir haben alle Bundes- und Landtagswahlen seit 1990 untersucht und jene herausgesucht, die nach einer Legislaturperiode stattfanden, in der mindestens zwei Parteien zusammen regierten. Das Ergebnis: 46-mal verloren die Juniorpartner, nur 18-mal konnten sie ihr Ergebnis verbessern, nachdem sie in der Regierung waren. Hier unsere Grafik dazu und im Anschluss daran eine Analyse.

Klicken Sie auf die einzelnen Kategorien, um die Tabelle entsprechend zu sortieren. Nicht berücksichtigt sind Wahlen nach Alleinregierungen einer Partei und die Wahlen zum Bundestag 1990 und zum Berliner Abgeordnetenhaus 1990, weil sich durch die Wiedervereinigung bei diesen Wahlen die Grundgesamtheit im Vergleich zur vorherigen Wahl geändert hat. Auch nicht berücksichtigt ist die Berliner Abgeordnetenwahl 2001, der jeweils sehr kurze Regierungszeiten von CDU/SPD bzw. SPD/PDS/Grüne vorausgingen.

Wer verliert am häufigsten? Nimmt man den Sonderfall der kurzlebigen Schill-Partei in Hamburg einmal aus, steht die Linkspartei besonders schlecht da. Sie konnte bei fünf Regierungsbeteiligungen nur einmal um schlappe 0,4 Prozentpunkte zulegen, sonst verlor sie immer. Ein möglicher Grund: Die Linke hat verhältnismäßig viele Protestwähler und solche, die sehr vieles sehr grundsätzlich ändern möchten. Deren Erwartungen werden besonders leicht enttäuscht.

Wer verliert am seltensten? Neunmal im Minus, sechsmal im Plus, einmal unverändert: die Grünen schneiden noch vergleichsweise gut ab. Das lässt sich eventuell damit erklären, dass sie über einen langen Zeitraum tendenziell bei den Wahlen zulegten, dieser Trend könnte das Juniorpartner-Manko überlagert haben.

Wer zieht am stärksten runter? Die CDU scheint ihren kleinen Koalitionspartner etwas häufiger zu schaden als die SPD. Liegt das am Merkelismus? Sind die Kanzlerin und ihre Ministerpräsidenten besonders gut darin, alle Zustimmung für sich einzuheimsen?

Gewinnen die Großen denn immer? Nein, siehe Bundestagswahl 1998: Da verlor die FDP zwar 0,7 Prozentpunkte, ihr Regierungspartner CDU sackte um 5,7 Prozentpunkte ab. Die Wähler stimmten gegen die Koalition und gegen ihren Kanzler Helmut Kohl. Wenn Regierungen abgewählt werden, werden auch die Juniorpartner mitbestraft. Wenn Regierungen gestärkt werden, profitieren die Kleinen davon aber eher nicht.

Warum verlieren die Kleinen so oft? Einige Gründe sind denkbar.

  • Je stärker Politik personalisiert, desto mehr verschwinden auch die Minister hinter dem Ministerpräsidenten/Kanzler. Er oder sie ist das Gesicht der Regierung. Wer mit der Politik in Brandenburg zufrieden ist, wählt deshalb eher die SPD des bekannten Dietmar Woidke als die Linkspartei des unbekannten Christian Görke. Für die Kleinen gibt es keinen Regierungsbonus.
  • Die kleinere Partei kann weniger durchsetzen als die große und enttäuscht so eher ihre Wähler.
  • Der Juniorpartner muss gleichzeitig die jetzige Regierungspolitik vertreten und sich bei der Wahl als Alternative zum größeren Regierungspartner darstellen. Ein Spagat, der vor allem schwer zu vermitteln ist. Wähler schauen auf die Regierungsarbeit der vergangenen Jahre und weniger auf das Wahlprogramm für die kommenden.

Wie kann man auch als kleine Partei gewinnen? 2011 legten die Grünen nach vier Jahren Regierung an der Seite der SPD um sechs Prozentpunkte zu. Das war zwei Monate nach dem Unglück von Fukushima, die Katastrophe und die plötzlich übermächtige Anti-Atom-Stimmung in Deutschland dürften der Partei viele Wähler eingebracht haben. Die Grünen haben in diesen Monaten bei jeder Wahl gewonnen. Aus dem Sieg lässt sich also leider wenig ableiten. Es könnte helfen, sich auch in der Koalition vom Partner abzugrenzen, um bei der nächsten Wahl noch ein erkennbar eigenes Profil zu haben. Es könnte aber auch, siehe FDP zuletzt im Bund, schaden, wenn beim Wähler der Eindruck entsteht, dass der Partei die Profilierung wichtiger ist als die Regierungsverantwortung.