Gerd Müller ist in diesen Tagen zum Pathos-Beauftragten der Bundesregierung geworden, zum Warner vor Tod und Verderben. Am Montag sitzt der Entwicklungsminister (CSU) vor Journalisten, es geht um die Lage syrischer Flüchtlingskinder, und sagt: "Wir haben es hier mit einer Jahrhundertkatastrophe zu tun." Als sei der Satz für sich noch nicht wuchtig genug, setzt er nach: "Ja, Sie haben richtig gehört." Am Dienstag dann, Pressestatement nach der Syrienkonferenz, Müller diesmal neben dem deutschen Außenminister Frank-Walter Steinmeier und dessen Amtskollegen aus Jordanien und dem Libanon. Müller sagt: "Es regnet, dann kommt die Kälte, dann der Tod."

Nein, an Mitgefühl und Dramatik mangelt es längst nicht mehr, wenn westliche Politiker, sei es von UN, EU oder nationalen Regierungen, über das Elend der Millionen syrischen Flüchtlinge reden. Sie alle beteuern auch, dass sie sofort und noch mehr helfen wollen. Und doch fehlt es an Geld, es sind erst 10 von 26 Camps für den Winter gebaut, das Welternährungsprogramm der UN hat die Rationen in Syrien bereits gekürzt, in den Nachbarländern muss sie sie im November kürzen. Das sind noch drei Tage.

Etwas passt hier also nicht zusammen. Aber was?

Zum einen der Pathos der Worte und die Nüchternheit der Haushaltsplanung, der Zahlen. So berechtigt und glaubwürdig Müllers Worte sind – sie müssen sich nicht nur in der Spendenbereitschaft Einzelner, sondern auch in den Budgets der Regierungen widerspiegeln. Und hier wird es verworren.

Denn die Finanzierung humanitärer Hilfe ist so komplex, dass für Laien oft kaum zu erkennen ist, wer nun wirklich wie viel zahlt und wofür. Grundsätzlich kann sich jedes Land und jede Organisation (beispielweise die EU) aussuchen, für was sie spendet.

Absichtlich unterfinanziert

Zum Beispiel die ominöse "Sondermilliarde". Müller fordert sie von der Europäischen Union für Flüchtlinge weltweit, "die Töpfe sind voll", sagt er.

Tatsächlich aber sind die Töpfe leer. Das Budget für humanitäre Hilfe schrumpft, nachdem es bis 2013 stetig gewachsen war. Das wäre halb so wild, würde dieses Geld dann wirklich fließen. In diesem Jahr zum Beispiel kann die EU den Hilfsorganisationen 874 Millionen Euro für humanitäre Hilfe zusagen, so steht es im Budget. Tatsächlich aber hat sie nur 747 Millionen zur Verfügung. Der EU-Haushalt läuft längst auseinander: Auf der einen Seite stehen die sogenannten Verpflichtungen, die EU und Mitgliedstaaten beschließen. Und ein gutes Stückchen tiefer liegen dann die tatsächlichen Zahlungen der Länder, um diese Verpflichtungen zu finanzieren. Der Haushalt ist chronisch und absichtlich unterfinanziert.

So schleppt die EU von Jahr zu Jahr unbezahlte Rechnungen mit. 2012 beliefen diese sich in der humanitären Hilfe auf 56 Millionen Euro, beim nächsten Jahreswechsel waren es schon 160 Millionen. Die Kommission hat deshalb um 250 zusätzliche Millionen gebeten, um die Lücke zu schließen und besser helfen zu können, doch das blockieren die Staaten. Sie wollen nicht zahlen.

Fragt man den deutschen Minister Müller, wo denn seine "Sondermilliarde" angesichts dieser Probleme herkommen soll, spricht er von "Umschichtungen" aus anderen EU-Töpfen, dem Fonds für Entwicklungsprojekte zum Beispiel. Und welche dieser Projekte würde er gern kürzen, was ist weniger wichtig? Darauf möchte Müller keine konkrete Antwort geben.

Das ist die zweite Wahrheit: In der humanitären Hilfe wird Leid gegen Leid abgewogen. Weil die Etats nicht einfach unbegrenzt wachsen können, geht es gar nicht anders.