Warum eigentlich finden die großen Reden zur Deutschen Einheit meistens in geschlossenen Räumen, vor ausgewählten Zuschauern statt? Wäre es nicht ein viel stärkeres Bild, würden draußen Hunderttausende dem Bundespräsidenten zuhören? Auf der Straße, wie 1989?

Es würden wahrscheinlich nicht viele kommen. Seit 1990 gibt es eine Spannung zwischen den Einheitsreden deutscher Politiker und der Wahrnehmung vieler Bürger. Die meisten Deutschen sehen die Wiedervereinigung als ein glückliches Ereignis, aber sie sind weit entfernt von dem verklärenden Pathos der Politik.

Auch Bundespräsident Joachim Gauck hat im Leipziger Gewandhaus eine Erfolgsgeschichte erzählt, die sich nahtlos einfügt in die vielen anderen bundesdeutschen Erfolgsgeschichten. Gauck redete, als habe es keine Treuhand und keinen NSU gegeben, keine ostdeutschen Gewaltexzesse, kein westdeutsches Desinteresse, als gebe es die bis heute anhaltende Skepsis vieler Ostdeutscher ihrem neuen Land gegenüber nicht. Als sei einfach alles gut gegangen. 

Ja, der Sturz des SED-Regimes ist eines der schönsten Ereignisse der deutschen Geschichte. Und Pathos an einem Feiertag ist schon okay. Doch diese gesalbte Harmonie erinnert an schlechte Familienfeiern: Es gäbe so vieles herauszuschreien. Am Ende lässt man es aber. Gibt schließlich wichtigeres.

Idealisierte Ostdeutsche

Hört man Gauck zu, könnte man glauben, die vielen Ostdeutschen seien allein für die bürgerlichen Freiheiten westdeutscher Art auf die Straße gegangen. Dass es ihnen auch um den Wohlstand der Westdeutschen ging, kommt nicht vor. Das idealisierte Bild der Ostdeutschen als Volk von Bürgerrechtlern verklärt auch, dass mancher von ihnen die Freiheit, zu reisen, zu sprechen und zu wählen geringer bewertet als seine materielle Absicherung.

Ganze zwei von vierzig Absätzen seiner Rede hat Gauck für die Probleme reserviert, die es im Gefolge der Einheit gegeben hat. Er tut sie in erster Linie als Anpassungsschwierigkeiten der Ostdeutschen in einem Land ab, in dem es für sie erstmals um Eigenverantwortung und Tatkraft ging. 

Fehlende Empathie

Der sonst so einfühlsame Gauck zeigt damit wenig Empathie. Er müsste wissen, dass es die Ostdeutschen waren, deren Familien zu Hunderttausenden zerrissen wurden, weil Söhne und Töchter den Jobs hinterherziehen mussten. Dass die Ostdeutschen einem Kapitalismus ausgesetzt sind und waren, in denen viele Löhne bis heute nicht zum Leben reichen.

Die Einheit ist Gaucks große Geschichte der gelungenen Freiheit. Und die ist so trefflich gesetzt und gefügt, dass sie keine hinzukommenden Widersprüche verträgt. Zum Beispiel den, dass die angeblich so demokratiebegeisterten Sachsen gerade eben zur Hälfte der Landtagswahl ferngeblieben sind. Oder dass während der Freiheitskämpfer Gauck den Staatspräsidenten Ungarns hofiert, draußen vor der Tür Demonstranten gegen den Rückbau der Demokratie unter Viktor Orban protestierten.

Wäre es der 25. Jahrestag dieses wunderschönen Ereignisses nicht wert, uns einzugestehen, dass im neuen Deutschland nicht alles gut ist? Hätte Gauck, der DDR-Bürgerrechtler, nicht anprangern müssen, dass wir alle ausgespäht werden? Oder dass viele Bürger in Ost und West nicht mehr an das Gemeinwesen glauben? Es würde vielleicht eine ganze Menge Menschen zum Zuhören bringen. Auch das wäre ein rauschendes Fest wert.