"Pünktlich, ne?", sagt Peer Steinbrück. Da ist er also wieder, auf die Minute genau, der Ex-Kanzlerkandidat der SPD. Nur das Setting ist etwas ungewöhnlich. Peer Steinbrück steht in einer Markthalle in Berlin-Moabit. Es riecht nach Essen – am Stand nebenan sind Käsespätzle und Kartoffelsuppe im Angebot.

Ansonsten herrscht ganz normale Freitagabendstimmung: Kinder tollen herum, die Eltern machen letzte Besorgungen fürs Wochenende. In einer Ecke, fast ein wenig versteckt, sitzen erwartungsvoll rund 150 Leute – Bürger und Genossen der örtlichen SPD. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Eva Högl hat den Parteifreund und Kanzlerkandidaten a.D. zum Bürgerdialog eingeladen. Manchmal, verrät Högl, ginge Steinbrück jetzt einkaufen in die Markthalle. Sie beide seien ja "quasi Nachbarn" im Bezirk. Doch heute soll Steinbrück ein Fazit ziehen. Zu "Ein Jahr große Koalition".

Klingt gut. Seit dem verlorenen Bundestagswahlkampf hat die Öffentlichkeit nur noch wenig mitbekommen von ihm. Steinbrück ist jetzt einfacher Bundestagsabgeordneter für die SPD, sitzt im Auswärtigen Ausschuss. Er ist stellvertretendes Mitglied im EU-Ausschuss. Natürlich hält er noch Reden, in der gesamten Bundesrepublik – doch zu tagespolitischen Fragen äußert er sich nicht oft.

Vielleicht auch, weil er den jetzigen Spitzen-Genossen nicht die Show stehlen will. Der Wahlkämpfer von einst kommt jedenfalls schnell wieder in Fahrt. Es sind Bilder, die man noch aus dem Bundestagswahlkampf 2013 kennt: Steinbrück, mit ernstem Gesicht, tigert über die Bühne, Mikrofon in der einen Hand, die andere in der grauen Anzughose. Nur, dass die Bühne jetzt etwas kleiner ist.

Kleine Einleitungsrede, inklusive überraschend offener Analyse: "Ziemlich dürftig" sei das SPD-Ergebnis vor einem Jahr gewesen, diese 25,7 Prozent bei der Bundestagswahl, sagt Steinbrück über den eigenen Wahlkampf-Ertrag. "Nach dem Bundestagswahlkampf, als ich auf der Nase lag" habe seine SPD  "für manche fast überraschend" dann dank einer ideenlosen Union immerhin noch einiges in den Koalitionsvertrag hineinverhandelt

In der Außenpolitik nicht wegducken

Ein ausführliches Lob gibt es für den SPD-Außenminister. Beim Management der aktuellen Krisen dieser Welt habe Frank-Walter Steinmeier "geglänzt". Besorgniserregend nennt Steinbrück die Situation in der Ukraine, in Syrien und im Irak. Deutschland müsse sich da militärisch mehr engagieren. "Ich weiß, dass das sehr umstritten ist bei Ihnen." Ernster Blick in die Runde, die Leute hängen folgsam an seinen Lippen. Steinbrück fährt fort: Die Deutschen könnten sich nicht mehr wegducken. Eine Beteiligung "militärischer Einheiten der Bundesrepublik Deutschland" mit völkerrechtlichem Mandat müsse diskutiert werden. Welche Beteiligung genau, lässt er, ganz Polit-Profi, offen.

Doch Steinbrück wäre nicht Steinbrück, wenn er nicht auch etwas zu mosern hätte. In der sich anschließenden Fragerunde macht er die Tour d’Horizon – kein Thema, auf das er nicht eine Antwort hat. Das Rentenpaket der großen Koalition sei überteuert, weil es alle Wünsche hätte vereinen müssen. Das Gerede von der kalten Progression störe ihn, das sei doch "Affentheater". Bei der niedrigen Inflationsrate gebe es keine kalte Progression. Blöd nur, dass Vizekanzler Sigmar Gabriel unlängst deren Abschaffung forderte – weil er sich davon eine Erschließung neuer besserverdienender Wählerschichten erhoffte. Steuern erhöhen will Ex-Kandidat Steinbrück immer noch, nur die Vermögenssteuer, nunja: "Habe ich ne Menge Leute im Wahlkampf getroffen, die behauptet haben, sie finden das gut. Am Ende landeten wir bei 25 Prozent."