Der Verfassungsschutz geht davon aus, dass die Salafistenszene in Deutschland sehr schnell Zulauf bekommt. Inzwischen zählten rund 6.300 Menschen zu diesen Gruppen, sagte der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, Hans-Georg Maaßen, dem rbb Inforadio. Bis zum Jahresende könnten es bereits 7.000 sein. Vor wenigen Jahren haben man noch rund 2.300 Salafisten gezählt. "Das ist besorgniserregend", sagte Maaßen.

Vor allem Jugendliche fühlten sich vom Salafismus angezogen. Dieser sei offenbar für Menschen in einer Umbruchsituation attraktiv, weil er eine klare Vorgabe mache, wie man zu leben habe. "Salafisten sagen, was weiß und was schwarz ist." Sie vermittelten Jugendlichen mit den vier "M" – "männlich, muslimisch, Migrationshintergrund, Misserfolge in der Pubertät, der Schule oder in der sozialen Gruppe" – das Gefühl, zu einer Avantgarde zu gehören, "vom Underdog zum Topdog zu werden", sagte Maaßen.   

Maaßen ging auch auf die steigende Zahl junger Frauen ein, die sich dem "Islamischen Staat" anschließen; etwa zehn Prozent der nach Syrien und in den Irak ausgereisten Dschihadisten seien weiblich. "Wir stellen jetzt fest, dass junge Frauen sich – anders als noch vor wenigen Jahren auf Reisen nach Pakistan oder Afghanistan – angezogen fühlen von der Situation und von den jungen Männern, die als Mudschaheddin kämpfen", sagte Maaßen. Oft hätten die jungen Frauen ein romantisches Bild von einer Dschihad-Ehe vor Augen. Diese Vorstellungen würden sowohl im Internet als auch in einer "gewissen Jugendszene" in Deutschland verbreitet.

Mindestens 450 deutsche Personen, die sich dem IS und anderen islamistischen Gruppen in Syrien angeschlossen hätten, seien dem Verfassungsschutz namentlich bekannt. "Das Problem ist, dass in Syrien und im Irak immer wieder Leute auftauchen, die wir vorher gar nicht kannten und auf die uns der BND oder andere Auslandsnachrichtendienste hinweisen." Die Dunkelziffer sei also hoch.

"Sieben bis zehn" der deutschen Dschihadisten hätten Selbstmordanschläge begangen. Zudem seien 150 Rückkehrer registriert worden, deren Gefährlichkeit aber nicht in jedem Fall einzuschätzen sei. "Nicht jeder Verdacht reicht aus, um das volle Instrumentarium ausfahren zu können, um diese Personen unter Kontrolle halten zu können", sagte Maaßen. Der überwiegende Teil der ausgereisten Dschihadisten sei zwischen 18 und 25 Jahre alt.