Der erste Anruf galt der Verliererin. Thüringens künftiger SPD-Vorsitzender Andreas Bausewein informierte zunächst die Ministerpräsidentin. Die Tage von Christine Lieberknecht als Regierungschefin in Thüringen sind nun gezählt. Die CDU-Politikerin wird mit ihrer Partei nicht weiter an der Macht bleiben, zum ersten Mal nach der Wende müssen die Christdemokraten in Erfurt in die Opposition weichen.

Die SPD-Führung hatte sich am Montagabend in Erfurt während einer Sitzung des ganz großen Landesvorstands für eine Koalition mit Linken und Grünen entschieden. Die Parteispitze will das erste rot-rot-grüne Bündnis in Deutschland auf Landesebene bilden. Der abstimmungsberechtigte, engere Kreis sprach sich einstimmig dafür aus, entsprechende Koalitionsgespräche aufzunehmen. Erstmals könnte ein Linker demnächst in die Regierungszentrale eines deutschen Bundeslandes einziehen. Gelöst wirkte Bausewein trotzdem nicht, als er am Montagabend um kurz nach 20 Uhr vor die Presse trat.

Die SPD-Entscheidung für Rot-Rot-Grün ist eine, die nach all den Spekulationen der vergangenen Woche nicht völlig überraschend kommt. Immer wieder hatten die Verhandlungsführer von Linken, SPD und Grünen während ihrer sechs Sondierungsrunden in den vergangenen Wochen betont, wie gut das Klima zwischen ihnen sei, wie viele inhaltliche Übereinstimmungen es zwischen den Parteien gebe und wie kompromissbereit sich alle Beteiligten bei strittigen Themen wie der Zukunft des Verfassungsschutzes gegeben hätten.

Bündnis hat knappe Mehrheit im Landtag

Und doch hatte es am Wochenende wieder vermehrt Zweifel daran gegeben, dass die SPD sich auf das rot-rot-grüne Experiment einlassen würde. Ihr Verhandlungsführer, Andreas Bausewein, hatte seit Ende vergangener Woche auffällig oft davon gesprochen, jenseits von inhaltlichen Fragen sei es für seine Partei ganz wesentlich, dass eine neue Regierung vor allem stabil sei. "Stabilität oder erwartete Stabilität" hatte Bausewein das genannt – vor dem Hintergrund, dass zwei Abgeordnete der Linken-Fraktion sich der Stimme enthalten hatten, als die Parteiführung über Koalitionsverhandlungen mit SPD und Grünen verhandelte. Das hatte Spekulationen angeheizt, die SPD könnte Rot-Rot-Grün doch den Rücken kehren und sich für ein Bündnis mit der CDU entscheiden.

Ganz losgelassen hat die Angst Bausewein und viele seiner Genossen am Montagabend offenbar nicht. Zwar, sagte Bausewein, habe die CDU immer wieder bewiesen, was für eine tief gespaltene Partei sie sei. Dass es in der Union ein Lieberknecht-Lager und ein zweites um den Fraktionsvorsitzenden im Landtag, Mike Mohring, gibt, ist ein offenes Geheimnis. Doch auch bei den Linken sei die SPD nicht sicher, inwieweit sie geschlossen hinter Rot-Rot-Grün steht. "Wir vermuten, dass das die stabilere Mehrheit ist", sagte Bausewein. In beiden Bündnisvarianten hat die Regierung im Landtag nur eine Stimme mehr als das Oppositionsbündnis.

Dass die Entscheidung für Rot-Rot-Grün so eindeutig ausgefallen ist, gilt vor allem als eine Entscheidung gegen die CDU. Teilnehmer der Sitzung berichten, es habe kaum Gegenreden gegen den Vorschlag gegeben. Die wenigen hätten noch einmal ihre grundsätzlichen Bedenken gegen ein Bündnis mit der Linken wegen der SED-Vergangenheit der Partei geäußert. Noch viel häufiger hätten Genossen aber ihrer Überzeugung Ausdruck verliehen, dass die CDU nach 24 Jahren Regierungsverantwortung in Thüringen abgelöst gehöre.