Am Ende der AfD-Streitwoche hielten es die Bayern nicht mehr aus. Sonntagabend verschickten die Mitglieder des Landesvorstandes E-Mails an ihre Bezirks- und Kreisvorsitzenden, angehängt war ein "interner offener Brief" an die Parteispitze. "Wir beobachten mit zunehmender Besorgnis den derzeitigen medialen Auftritt einiger Bundesvorstandsmitglieder", beginnt der Text. Die Austragung von parteiinternen Konflikten über die Medien gefährde "die Einheit und den Bestand unserer Partei". Weitere Vokabeln aus dem unmissverständlichen Schreiben: undemokratisch, Missbrauch, Gefahr einer Parteispaltung. Die Bayern sammeln nun Unterschriften und wollen den Brief, der ZEIT ONLINE vorliegt, am morgigen Dienstagabend an den Bundesvorstand schicken.

Was war passiert? Vor allem – so sehen es die Bayern – war Alexander Gauland passiert. Der stellvertretende Bundessprecher der Partei, Vorsitzender in Brandenburg und dortiger Chef der neuen Landtagsfraktion, hat vermeintliche Verschwörungstheoretiker in der Partei als "allenfalls dumm" bezeichnet und den Parteisprecher Bernd Lucke einen "Kontrollfreak" genannt.

Doch Gauland ist nicht der einzige, der gegen Parteikollegen wettert, und es geht bei den jüngsten Kabbeleien keineswegs nur um Persönliches. Es geht um die Frage, wie die Partei geführt werden soll – und von wem.

Lucke hätte es gern konventioneller

Zum absichtlichen Anderssein der Alternative für Deutschland gehört, dass sie nicht einen Vorsitzenden hat, sondern drei Sprecher und noch einmal drei Stellvertreter. So wurde es beschlossen auf dem Gründungsparteitag im April 2013. Seitdem feiert die Partei sich für ihre vermeintlich offenere und sachliche Diskussionskultur und die flacheren Hierarchien.

Lucke will genau diese Strukturen umbauen und denen der anderen Parteien anpassen. Ein Vorsitzender soll die Partei führen, unterstützt von Stellvertretern und einem Generalsekretär. Es gehe ihm nicht um Macht, beteuert er im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. "Tatsächlich geht es darum, dass ich entlastet werden muss von dem erdrückenden Arbeitspensum." Lucke regiert aus Brüssel, wo er seit Mai im Europaparlament sitzt, bis in die Verästelungen seiner deutschen Landes- und Bezirksverbände hinein. Wegen dieses Mikromanagements hatte Gauland ihn als Kontrollfreak verspottet. Lucke sagt dazu nur: "Ich will gar nicht bestreiten, dass ich mich in vieles einschalten muss – eben weil es sonst drunter und drüber ginge."

Schon zum Parteitag im März wollte Lucke die Satzung zu seinen Zwecken umbauen, scheiterte aber am Widerstand der selbstbewussten Basis. Seitdem arbeitet eine Satzungskommission an Änderungen, Mitte Oktober legte sie ihre Vorschläge vor. Nur noch einen Vorsitzenden und drei Stellvertreter soll es danach geben. Doch immerhin drei der 17 Mitglieder der Satzungskommission erklärten bereits (PDF-Link), dass sie Lucke eigentlich nicht alle Macht geben wollen. Die bisherige Regelung, nach der es mindestens zwei gleichberechtigte Sprecher gibt, symbolisiere auch, dass die "Bewegung" AfD "aus Persönlichkeiten besteht, die sich nicht in eine enge hierarchische Führungsstruktur einzwängen lassen und über Führungspersönlichkeiten verfügen (sic!), welche die Qualifikation besitzen, eine kollegiale Führung glaubwürdig zu praktizieren".