Es waren nur wenige Sätze, die Angela Merkel am Dienstag in ihrer Bundestagsrede zu den gefährlichen Antibiotika-Resistenzen verloren hat. Doch sie lassen hoffen, dass ein vernachlässigtes Problem ins Bewusstsein der Politik zurückkehrt.

Die Bundeskanzlerin kündigte an, dass sie den Kampf gegen die sich weltweit ausbreitende Unempfindlichkeit von Bakterien gegen die gängigen Antibiotika zu einem der Themen der deutschen G-7-Präsidentschaft machen will – neben der Überwindung der absoluten Armut, dem Schutz des Klimas und der Meere und der Stärkung berufstätiger Frauen. Schon dass die Kanzlerin die Resistenzen in eine Reihe mit diesen Problemen stellt, zeigt: Die Regierung hat die Gefahr erkannt.

 

Es müsse überlegt werden, "was wir tun können, damit Ausbrüche von Infektionskrankheiten in Zukunft schneller und besser bekämpft werden können", sagte Merkel. Und: "Ich begrüße ausdrücklich eine Reduzierung des Einsatzes von Antibiotika vor allem bei der Nutztierhaltung."

Nur Ankündigungspolitik?

Sind Merkels Worte mehr als Ankündigungspolitik? Eine Gefahr zu erkennen heißt noch nicht, einen Plan zu haben. Schlimmer noch: International fehlt nicht nur eine gemeinsame Strategie. Es fehlt auch die Bestandsaufnahme, auf der sie aufbauen könnte.

Die Weltgesundheitsorganisation warnt zwar davor, dass die Errungenschaften der modernen Medizin bedroht seien. Sie hat jedoch nicht einmal einen ungefähren Überblick darüber, wie sich die Resistenzen in den verschiedenen Weltregionen entwickeln. Denn gezählt wird das, was von den jeweiligen staatlichen Behörden sehr ungenau und nach völlig verschiedenen Standards erhoben wird.

Woher die tödlichen Keime kommen und warum Multiresistenzen so gefährlich sind

Auch in Deutschland ist die Datenlage schwierig, das haben zuletzt die Recherchen von ZEIT ONLINE, DIE ZEIT, der Funke-Mediengruppe und Correct!v gezeigt. Klar ist nur: Vermutlich sterben deutlich mehr Menschen an Infektionen mit multiresistenten Keimen als offiziell registriert werden.

Mangel an Information

Auch in den Entwicklungsländern breiten sich immer stärkere resistente Bakterien aus, vor allem in Indien, im Nahen Osten und in Nordafrika. In Griechenland haben sich ebenfalls gefährliche multiresistente Keime entwickelt. Doch bis heute verfügt die Politik über zu wenige Informationen. Wie viele Patienten sind mit welchen Keimen infiziert? Wie verteilen sich die spezifischen Keime? Niemand kann es mit Sicherheit sagen.

Nicht, dass sich die Bundesregierung nicht mit der Gefahr auseinandergesetzt hätte. Gesundheitsminister Hermann Gröhe spricht immer wieder darüber. Seit Jahren gibt es die von seinem Ministerium angestoßene Deutsche Antibiotika-Resistenzstrategie. Sie enthält viele Forderungen wie den zurückhaltenden Einsatz der Medikamente.

Zudem haben Union und SPD im Koalitionsvertrag festgehalten, dass sie die Wirkstoffforschung stärken wollen. Und sie wollen gefährliche Keiminfektionen in Krankenhäusern durch bessere Hygiene und strengere Vorschriften bekämpfen. Das sagte der SPD-Gesundheitsfachmann Karl Lauterbach jüngst der WAZ. In der Union stößt er damit auf Zustimmung. Auch am Rande der Fraktionssitzung von CDU und CSU in dieser Woche wurde über das Thema Antibiotikamissbrauch in der Landwirtschaft diskutiert.

Es braucht auch Geld

Woran es jedoch mangelt, ist Geld. Das Forschungsministerium fördert beispielsweise die Entwicklung neuer Antibiotika mit 8,8 Millionen Euro. Der Haushaltsausschuss hat für 2014 noch einmal eine Million dazugegeben. Fachleute schätzen jedoch, dass die Kosten für ein einziges neues Antibiotikum – von der Identifizierung des Wirkstoffs bis zur Markteinführung – zwischen 800 Millionen und 1,5 Milliarden Euro liegen.

Immerhin scheint sich der politische Resonanzraum vergrößert zu haben. Das ist auch dringend nötig. Denn der Druck von außen nimmt zu. Gerade hat eine Regierungskommission in der Schweiz empfohlen, in der Landwirtschaft Antibiotika-Gaben vollständig zu verbieten. Die Bauern laufen Sturm, Veterinäre sind empört. Aber offenbar wächst das Bewusstsein, dass sich die Menschheit keine Schludrigkeit im Umgang mit dem Problem mehr leisten kann.