Wolf Biermann bei der Mauerfall-Gedenkstunde im Bundestag © Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Ein einziges Mal versucht der Bundestagspräsident für Ordnung zu sorgen und also dafür, dass nichts Unvorhergesehenes passiert bei dieser Gedenkstunde an das unvorhergesehene deutsche Glück. "Ich kann Ihnen auch, Herr Biermann, mit einem Hinweis auf die Geschäftsordnung helfen", sagt also Norbert Lammert, als der Liedermacher Wolf Biermann im Deutschen Bundestag beginnt, alles durcheinanderzubringen, weil er redet, obwohl er doch nur singen soll. Da entfährt Biermann ein tiefes: "Boah", getroffen von der formalistischen Schwere dieses Satzes. Lammert fährt fort: "Sobald Sie für den deutschen Bundestag kandidieren und auch gewählt werden, dürfen Sie auch reden."

Aber Wolf Biermann ist nicht hier, um sich an Regeln zu halten. "Ja", sagt er. Und dann, als wäre es eine Selbstverständlichkeit, wischt er die Ermahnung des Parlamentspräsidenten einfach weg: "Aber natürlich hab ich mir in der DDR das Reden nicht abgewöhnt, und das werde ich hier schon gar nicht tun". Da jubeln die meisten Abgeordneten und Lammert, der doch sonst immer das letzte Wort hat, schweigt.

Allein für diesen Satz, für diesen Moment, hat sich die Feierstunde, hat sich das ganz Gedenk-Bohei zum 25-jährigen Mauerfall-Jubiläum schon gelohnt. Da steht einer im Bundestag, im Herzen des Systems, und ignoriert dessen Formalien einfach. Weil er aus seiner eigenen Biographie weiß, dass es manchmal das Beste ist, sich nicht daran zu halten.

Lammert hat Biermann eingeladen, weil der vor Jahrzehnten gegen die Regeln der DDR angesungen hat. Nun verstößt Biermann gegen die Regeln des gesamtdeutschen Parlaments. So einleuchtend und einfach ist sein Satz, dass er den Verlauf dieser kleinen Feier ganz selbstverständlich zu ändern vermag. So, wie vor 25 Jahren die Forderung der DDR-Bürger nach Freiheit so einleuchtend und einfach war, dass sie den Verlauf der Geschichte damit änderten.

Besserwisserisch, undifferenziert

Biermann nutzt seine selbstgenommene Freiheit für einige böse Sätze an die Abgeordneten der Linkspartei, die nur wenige Meter vor ihm sitzen. Er als Drachentöter könne ja nicht "die Reste der Drachenbrut" niederschlagen, diese seien ja bereits geschlagen. Ein "elender Rest" sei das und weder links noch rechts, sondern reaktionär. Die Linken, die sich vorher vorgenommen hatten, sich von Biermann nicht provozieren zu lassen, halten es doch nicht aus. "Wir sind gewählt", ruft eine Abgeordnete, als wäre deshalb Kritik an ihrer Partei unstatthaft. Biermann pöbelt zurück, und so rutscht die Feierstunde in ein besserwisserisches, undifferenziertes, unangenehmes Gezänk.

Das ist alles gar nicht mehr schön anzusehen und anzuhören. Was Biermann sagt, mag selbstsüchtig sein, für manche gar falsch und unverschämt. Seine historische Wahrheit, die er in merkwürdig schwülstiger Sprache verkündet, muss niemand teilen. Seine Wut auf alles, was sich Linkspartei nennt, dürfte auf jüngere Ostdeutsche anachronistisch wirken, Schlachten von gestern. Doch es ist seine Geschichte. Sie lebt in ihm fort, so wie sie es in vielen anderen Menschen tut, die die DDR-Staatssicherheit zum Feind erklärt hat. Wer Biermann einlädt, lädt seine Biografie mit ein.   

Wichtiger ist, dass Biermann überhaupt geredet hat und nicht daran gehindert wurde. Alle konnten sehen: Da verletzt einer die Regeln, und nichts geht kaputt. Es war, was auch der Titel jenes Liedes verspricht, das er dann am Ende doch noch sang: eine "Ermutigung". Biermann hat ein Fenster aufgestoßen im ritualisierten Bundestagsgedenken, hereingeweht ist der Geruch der deutschen Geschichte.