Herr B. hat kurze Haare, eine randlose Brille, einen Dreitagebart und einen Bauchansatz. Er trägt graues Hemd, dunkelrote Krawatte, dunklen Anzug, Ehering. Er könnte Ingenieur sein oder Versicherungskaufmann. Aber er ist beim Bundesnachrichtendienst. Herr B. war kommissarischer Dienststellenleiter in der Abhörstation des BND in Bad Aibling. Herr B. war Leiter der JSA, der Abteilung, in der BND und NSA gemeinsam Daten abgehört und ausgewertet haben. Herr B. sitzt hinter einem der Schreibtische, an denen das Abhören der weltweiten Kommunikation geplant wird. Herr B. darf seinen Namen nicht sagen. Fotos von ihm zu machen ist bei Strafe verboten.

Herr B. ist Zeuge im Ersten Untersuchungsausschuss des Bundestages, der sich seit März 2014 mit dem Abhörskandal um NSA und BND befasst.

Jeden Donnerstag trifft sich dieser, jeden Donnerstag, an dem im Bundestag eine Sitzungswoche angesetzt ist. Mittags geht es im Europasaal des Paul-Löbe-Hauses los, abends ist es irgendwann vorbei. Vor Herrn B. war auch schon Herr U. da und andere, die nur mit Initialen angesprochen werden konnten. Viele werden noch folgen.

Der Saal ist rund, auf halber Höhe hat er eine Tribüne. In drei Reihen sammeln sich dort Besucher, Blogger, Medien. Knapp hundert passen auf die unbequemen Stühle. Kein Wort dürfen sie sagen, Lachen wird vom Vorsitzenden sofort gerügt. Mitschreiben ist erlaubt, twittern auch, filmen oder Ton aufnehmen ist verboten. Wer es versucht, fliegt raus. Ein oder zwei Beamte der Bundestagspolizei sitzen immer mit dabei.

Blaffen und Plänkeln

Von der Tribüne geht der Blick über den Saal hinweg auf die Spree, auf die Jakob Maria Mierscheid-Brücke, auf das Haus der Bundespressekonferenz, auf grauen Beton und ab und zu auf einen Ausflugsdampfer. Unten im Saal sitzen die Abgeordneten vor Papieren und Laptops, die hohen Fenster und die Welt im Rücken.

Vor den Abgeordneten in einem kleineren Kreis: der Zeuge und sein Rechtsbeistand. Das ist meistens Johannes "Jonny" Eisenberg. Im Medien- und Verlagsbetrieb ist er als guter Anwalt bekannt, nicht als netter Kerl. Eisenberg redet nur selten. Dann aber blafft er eher, die Arme verschränkt. "Warum lachen Sie, wenn ich Sie frage, ob Sie den Quellcode der Programme von der NSA einsehen konnten", fragt Martina Renner von der Linken den Zeugen ärgerlich. "Er muss nicht erklären, warum er lacht. Er kann doch lachen", pöbelt Eisenberg zurück.

Solches Geplänkel gibt es in jeder Anhörung. Alle sind gereizt. Die Beteiligten benehmen sich, als würden sie in einem Minenfeld steppen. Sie überlegen bei jedem Satz, was sie nun fragen oder sagen dürfen. Aus geheimen Akten zu zitieren, ist verboten, geheimes Wissen preiszugeben auch. So tasten sich alle durch die Themen. Selten gibt es klare Antworten. Oft wird gezögert, überlegt, auf den geheimen Teil verwiesen. Immer wieder flüstern die Zeugen mit ihrem Anwalt.

Das frustriert die Abgeordneten, deren Aufgabe es doch ist, möglichst viel herauszubekommen. Dann kommt es zu kleinen Ausbrüchen. "Herr T-Punkt B-Punkt aus B-Punkt A-Punkt..." beginnt der SPD-Obmann Christian Flisek eine Frage. Er will sich mockieren über die chronische Geheimhaltung, die zweiten Initialen stehen für Bad Aibling. Den anderen geht es ähnlich, in jeder Sitzung wieder.

Jede Partei hat ein exaktes Zeitkonto für ihre Fragen, berechnet nach der Größe der Fraktion. Und so fragen sie. Wie funktioniert das? Wer hat die Technik kontrolliert? Wer wusste was? Wer hat was angeordnet? Was wurde abgehört? Was wurde weitergegeben? Was haben Sie da überhaupt gemacht? Können Sie das genauer erklären? Die Antworten bleiben vage.