Mit einem Ruck kommt der BMW zum Stehen. Hier, auf einer Spezialspur an der A 93, beginnen die Fahnder der Bundespolizeiinspektion Rosenheim ihre Schicht. Es ist kurz nach 5 Uhr morgens, als Matthias R. und Josef P. in der Dämmerung die vorbeifahrenden Autos mustern. Die meisten Schleuser verlassen Italien am Abend. Zwischen 4 und 6 Uhr kommen sie dann in Deutschland an. Die Beamten wissen, worauf sie achten müssen: Linienbusse, Kleintransporter ohne Schriftzug, schäbige Wagen mit verdunkelten Scheiben. Vor einer Stunde haben Kollegen einen Italiener festgenommen. Er hatte sechs Syrer über die Grenze geschmuggelt. Bestimmt kommt noch so einer hier vorbei, sagen die Fahnder. Und warten.

Nirgends greift die Bundespolizei so viele Flüchtlinge auf wie im Landkreis Rosenheim. Und es werden immer mehr. Allein von Januar bis September stoppte sie rund 6.200 Menschen, mehr als im gesamten vergangenen Jahr.  Zuletzt fasste sie mehr als 1.000 Flüchtlinge im Monat. Im Inntaldreieck laufen die zwei wichtigsten Schleuserrouten zusammen: die Balkan- und die Brennerroute. Besonders letztere wird stark frequentiert, ist die Strecke über die Alpen doch die kürzeste Verbindung von Italien nach Nordeuropa. Die meisten, die diesen Weg nehmen, fliehen vor dem Krieg in Syrien. Andere kommen aus Eritrea, Somalia, Afghanistan, wieder andere flüchten vor der Terrorgruppe Boko Haram in Nigeria. "Wenn irgendwo in der Welt eine Krise ausbricht, bekommen wir das wenig später zu spüren", sagt Rainer Scharf, Pressesprecher der Inspektion Rosenheim. Gültige Papiere oder eine Aufenthaltsgenehmigung hat niemand dabei. Und die illegale Einreise ist eine Straftat. So jedenfalls sieht es die Polizei.

Auf der Autobahn setzt Josef P. blitzartig den BMW in Bewegung, überholt, fädelt sich vor einem grauen Opel ein. Auf der Leuchttafel hinter der Rückscheibe blinkt: "Polizei. Bitte folgen." Sie fahren auf den nächsten Parkplatz. Die vier Männer im Opel, zwei Rumänen, ein Ägypter, ein Marokkaner, händigen ihre Ausweise aus. Die Kollegen, die auf der Dienststelle die Angaben in der Datenbank prüfen, geben Entwarnung: Die Dokumente sind echt. Keine Flüchtlinge, zumindest nicht dieses Mal. Die Suche geht weiter.

Viele Flüchtlinge erreichen Deutschland unterernährt und dehydriert. Beamte finden oft Frauen, Männer, Kinder auf Ladeflächen zusammengepfercht oder in Lastern zwischen Kisten gezwängt. Wenn sie Kinder aus dem Kofferraum holen, sei das schlimm, sagen sie. Die eigentlichen Verbrecher sind für sie deshalb andere: Die Schleuser, die vom Leid der Menschen profitieren. Für die Reise von Nordafrika nach Europa zahlen die Flüchtlinge bis zu 30.000 Euro, allein die Fahrt von Mailand nach München kostet knapp 700 Euro. Viele Menschen arbeiten den Betrag im Zielland ab – selten auf legale Weise. Die Beamten sind überzeugt: Wenn sie sie aufgreifen, befreien sie die Flüchtlinge aus der Abhängigkeit von den Schleppern. Die Vernehmungen würden außerdem wichtige Hinweise liefern, um den Menschenhändlern das Handwerk zu legen. Für sie sind die Schleuser Kriminelle. Für die Flüchtlinge sind sie jedoch oft die einzige Chance, dem Terror in ihrer Heimat zu entkommen.

Einmal am Tag essen und fast gar kein Wasser

So wie für Hassan, ein Palästinenser mit syrischem Pass. Er kam nicht über die Autobahn. In der Nacht wurde er aus dem Zug geholt. Der hagere Mann Anfang 40, der aussieht wie Ende 50, kauert auf der Bank im kahlen Warteraum der Rosenheimer Dienststelle. Sein Gemüseladen in Damaskus lief einst gut, er konnte seiner Frau und den Kindern ein sicheres Leben bieten. Dann kamen Assads Schergen, später die Islamisten. Um seine Familie zu retten setzte sich Hassan Anfang September in sein Auto und fuhr in die Türkei. "Geh nach Mersin", hat man ihm gesagt. "Dort hilft man dir." In Mersin an der Mittelmeerküste sah Hassan die Schleuser überall, in den Cafés, Hotels, Parks. Einer sagte ihm: "Wir starten bald. Warte auf Anweisungen." Hassan wartete einen Monat lang. Dann wurde er mit anderen Syrern an immer neue Orte gebracht. Jedes Mal kamen mehr Leute hinzu. Als sie eines Nachts das kleine Boot bestiegen, waren fast 300 Menschen an Bord. Essen gab es einmal am Tag, Wasser fast gar keins. Die Flüchtlinge kauerten dicht an dicht auf dem Boden. Zwei Tage lang wütete ein Sturm. Hassan dachte, jetzt würde er sterben. Aber irgendwann brachte sie die italienische Marine an Land. Und Hassan setzte sich in den Zug. Erst nach Mailand, dann nach Deutschland.